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Full text of "Vorlesungen über die Critik der practischen Vernunft; nebst einer Rede über den Zweck der critischen Philosophie, und doppeltem Register"

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http://www.archive.org/details/vorlesungenberOObend 



Lazarus Bendavjd's 

VORLESUNGEN 



ÜBER D I S 



CRITIK DER PRACTISCHEN VERNUNFT. 



(N«bß tintr Rede Über den Zweck der critlfchen Philofophie , 
und doppeltem RegtJier.J 



Erat ratio profecta a reruni natura & ad rectum facienda 
iinpellens & a delicto avocans : quae non tum deiiique 
incipit lex efle cum fcripta efl: , fed tum cum orta ed. 
Orta autem limul efl: cum mente divina , quam ob rem 
lex Vera atque princeps apta ad jubendum & ad ve- 
tandum ratio eft recta fummi Jovis. 

Cicero de leg, l. II. c. IV. lo. 



Wien, 1796. 
jbey Jofeph Stahel and Compagni. 



■Q, 



^kt 



^ 



§32827 



Vorrede, 



i^ey der Bearbeitung der Critik der practi- 
fchen Vernunft habe ich mir das nähmliche 
Ziel vorgefetzt , als bey der Bearbeitung der 
Critik der reinen Vernunft. Aber hier war 
diefs Ziel nicht fo leicht zu erreichen. Aufs er 
dafs Keiner nieiner Vorgänger das practifche 
Gefetz fo dargeßellt hat, als Kant es ßch ^ 
meiner Meynung nach , dachte ; aufser dafs 
man es getoöhnlich von dem Begriffe der 

X 2 



JSlerifchhcit abzuleiten ^ oder es auf den Satz 
des H^ideifpruches ziirilchzufiihren fliehte •— . 
ivelche hcyde T^^ege dem geradezu widerfpre- 
chen, IV as Kajit in der ßletaphyßk der Sitten 
lehrt — liegt hier noch eine andere Schwierig» 
keit im IVege^ 

Kant i als Krßnder feiner Theorie darf,» 
te Sätze anticipiren ^ die er in der Folge be-r 
ivies , durfte Wörter als bekannt , Sätze als 
eingeßanden varausßtzen^ die der Anfänger 
iveder kennte noch zugibt, Ueberdicfs wollte 
Er , felhjt in der Behandlungsart feines Ge- 
genßandes zeigen , dafs er gerade das IVider» 
fpiel des der j einen Vernunft Jey^ 

Das erße zu ihun , tvnr mir nicht erlaubt ^ 
das letzte nicht möglich. Ich durfte nichts 
vorausfetzen , und mnfste daher die feine i\^- 
hcnabßeht fahren lajfen , die Ka n t mit der 



Anordnung der Materien heüeltc. Daher 
ßndet man die B eg r iffe der p, V. vor der 
Deduction der Grund/ätze ; daher vermifst 
man den Theil der critifchen Beleuchtung ^ 
der die Methode betrifft, 

Diefe gleich/am nothtvendigen Ah linder 
rungen bedürfen lutit weniger der Enffchul' 
^igiing , als die , ivelche ich , vielleicht eigen' 
mächtig vorgenommen» So habe ich den Aus^ 
druck Achtung vor dem Qefetze vermieden, und 
ihn ßets mit Achtung vor der Perfon , die das 
Gefetz ausübt, vertaufcht. Ich iveifs nicht , 
ob ich recht fehe ; aber alle Perfonißcirung 
fchadet der Sittenlehre , kann leicht aus ihr 
ei/t Spiel der Einbildungskraft machen, und 
auf Schwä'rmerey f Ihren. 

Freylich iß der Ausdruck Unterwerfung 
}mier das Gefetz , den ich beybehieli^ , nicht 
X3 



viel hejfcr. Aber voti ihm weiß mmi fchon ■, 
was er Jagen tvill: ilhe das Gefetz aus^ ohne 
viel darüber zu klügeln; da hingegen der Bc- 
griff Achtung vor dem Gefetze, mich wenig 

ßcns , auf den ISebenbegriff einer hlofs äuf 

fcrn Achtung zu leiten fcheint. 

Als Syßem, als feßes für fich heßchen» 
des Gebäude, fehlen es mir auch weder der 
Strebepfeiler der Auctoritäten, 7ioch des Tl^ar- 
nungskreuzes (la croix de mauvais augure. 
Boileau.) der Polemik zu bedürfen; undfo 
blieb der eigentliche litterarifche Theil faß 
ganz weg. 

Endlich habe ich auch den Theil der cri- 
tifchen Beleuchtung nicht aufgenommen, der 
gewijfe Zivcifel beantworten fall. Lefe die 
Beantwortung . ruer fich diefe Einwürfe z'i 
machen , im Stande iß , in Kants Werk 



{S. 168. fi</-) fill>ß nach y und ivenn fie ihn 

befriedigt , ivilL ich Dank wijfen , wenn er mir 

feine Gedanken mittheilcn luill. Ich kann iJim 

hierin nicht als Wegtveifer dienen , da ich 

die Antwort nicJit fo völlig zu der meinigen 

machen kann ^ um nicht gezivungen zu feyn^ 

mich ztvifchen Kant und mir feil ft gewaltfam 

durchzudrängen. Für die Welt heißt das 

freylich als drängte ich mich zwifchen einem 

Jßlephanten und einem TVurme durch: wo 

darin der Widerßand ^ von der einen Seite ^ 

nicht fonder lieh grofs iß. Aber ich , fiXr mich, 

ß ehe mir nun einmahl nahe genug y um mich, 

nicht vergröjjert — bey Gott , das gefchieht 

nicht , und jeder y der mich kennt ^ wird mir 

diefs Zeugnifs ablegen — doch in alltäglicher^ 

gewöhnlicher JMenfchengröfse zu fehen , und 

den IViderßand zu fühlen. Beffer alfo ich 

ßelle etwas gar nicht , denn falfch dar: fo 

dacht'' ich. Verarge es mir^ wer die Probe fchon. 



beßandcn hat : er gchöj't gcicijs unter dit* 
Zahl der Auserwählteii , zu der zu zählen, ick 
mich nicht vermcjfe , und von der verdammt 
zu werden , ich nicht fürchtet 



im Dßcember 179s < 



REDE 

ÜBER DEN 

ZWECK DER CRITISCHEN PHILOSOPHIE. 



(Gehalten den 1$. Dec. I^^S.J 



1 



Meine hochzuehrende Herren i 



F< 



ür das Zutrauen , das Sie die Güte habea 
mir zu fchenken , glaube ich Ihnen nicht belTer 
danken zu können , als wenn ich Sie , gleich ia 
der erften Stunde unferer Zufammenkunft , mit 
dem Zwecke bekannt mache , wefshalb wir zu- 
fammenkommen. 

Drey Fragen hat fich wohl jeder Menfch , 
mehr oder weniger deutlich ^ ein Malü in feinem 
Leben aufgeworfen : 

Was kann ich wiffen? 
Was foll ich thun ? 
Was darf ich hoffen? 

tVas kann ich wißen ? -— Was kann ich 
Willen? ganz was anders, als was weifs ich- 
a » 



(4) 

oder was wiffen die Menfclien überhaupt? 
Diefe letzte Frage läfst ficJi nur durch die Er- 
fahrung beantworten , wenn fie gar heantwortlich 
ift. Man miifste alle Erkenntnifs der Menfchen 
von dem einen Ende der Erde bis zum andern 
fammeln , um ein voUftändiges Verzeichnifs von 
dem erhalten zu können , was die Menlclien 
wirklich wiffen. 

Dafs diefe Antwort nur für den Augenblick 
gültig wäre , in dem fie gegeben wird , werden 
Sie, m. H, ! wohl, ohne mein Erinnern, einfe- 
lien. In dem zunächft anftoffenden Augenblicke 
kann jemand eine Entdeckung machen, welche 
die Erkenntnifs der Menfchen ungemein berei- 
chert , und von der man vorher fo wenig wufs- 
te, dafs man (ie nicht einmahl als möglich in 
das Verzeichnifs aufbrachte. 

So aber wie die Antwort auf die Frage : 
was wilFcn die Menfchen? jeden Augenblick ab- 
geändert werden niufs ; eben fo und noch weni. 
ger könnte die Frage : was kann der Menfch 
wiffen ? allgemein beantwortet werden , follte 
blols die Erfahrung uns zu diefer Antwort füh- 
ren. Was kann der Menfch wilfen , heilst, 
was ift ihm zu wiffen möglich? Hierin, auf 
die Einficht diefer Möglichkeit, kann uns die 



(3) 

Erfahrung gar nicht leiten. Wenn wir auch 
gleich erfahren , was die Menfchen wilTcn ; fo ift 
doch dadurch noch bej weitem nicht beltimmt , 
was fie wilTen können. Wie wollen wir aus 
dem , was die Gegenwart gebührt erfahren , wo« 
mit die Zukunft fchwanger geht; wie erfahren 
aus dem was jetzt nicht ist, dafs es auch 
nie feyn werde? Kästner und Kant 
fcheinen uns, in ihren Fächern, den höchften 
Grad menfchlicher Erkenntnifs erreicht zu haben ; 
aber jeder von uns fieht wohl leicht ein , dafs diefs 
gar keinen Maafsftab für die Männer der Zukunft 
enthält. Der Fortfchrittder menfchlichen Ausbil- 
dung lafstfogar vermuthen, dafs auf die Schultern 
diefer Riefen, Zwerge oder Riefen, gleichviel! 
fteigen , und weiter fehen werden , als fie bej'de. 

Wenn alfo unfere Frage : was kann der 
Menfch willen , beantwortet werden m u fs , fe- 
ilen wir fchon fo viel ein , dafs fie nicht aus dey 
Erfahrimg beantwortet werden könne. 

Wenn fie mufs. Mufs fie denn? Dlefs 
fcheint vorauszufetzen , dafs wir fchon von dem 
Satze überzeugt find : der Menfch könne einiges 
Wifi'en , und einiges niclit wiflen ; und nun fra- 
gen wir nur : was kann er wifien , und was nicht ; 
fragen: wie weit reicht die Grenze feines Er- 

a 3 



(6) 

kenntnifsvermogens? Aber werbercchtigt uns zu 
diefer Vorausfetzung ? vielleicht gibt es gar kei^ 
ne Grenze der menfclilichen Erkenntnifs , viel- 
leicht. ilt derMenfch im Stande, alles zu wifTen? 

Diefe letzte Vermuthung fcheint fogar durch 
die Mathematik beftätigt zu werden. Es mufs 
jedem von uns fonderbar vorkommen, wenn man 
die Frage aufwerfen wollte: wie weit kann es 
ein Menfch in der Mathematik bringen? Man 
wird antworten : das lalle fich gar nicht beftim. 
rncn ; und daher wird man vielleicht fchliefTen , 
dafs fich auch unfere Frage gar nicht beantwor, 
ten lalTe. 

Allein, fo wahr es auch iß , dafs derFort- 
fchritt in der Mathematik den die Menfchen zu 
machen im Stande find , gar nicht voraus be- 
ftinimt werden kann; fo wahr ift es doch von 
der andern Seite , dafs felbfi diefe Wiffenfchaft 
eine Grenze habe , über die hinaus der befte 
Kopf, mit blofs mathematifcheu Sätzen, nichts 
ausrichten wird. 

Denn fehen Sie, m. H. der Mathematiker 
befchäftigt fich das Verhältnifs derjenigen Gröf- 
fen gegen einander zu beftimmen , deren Dafeya 
ihm fchon gegeben ifi : wenn ihm Linien , dem 



(7) 

Dafeyft nach, gegeben find, lehrt er, wie fie 
fich gegen einander verhallen müfTen , um ein 
J3rejeck u. d. gl. daraus zu bilden ; wenn ihm 
der Mond unddeflen Bewegung gegeben ifr, lehrt 
er, wie diefe Bewegung fich gegen jede andere, 
ebenfalls gegebne Bewegung, verhalte, und fo 
in allen Fällen. So weit alfo , nur über dieEr- 
kenntnifs vom Verhältnifs der Gröfsen, er- 
fireckt fich das Gebieth des Mathematikers, diefs 
allein kann er , mit Hülfe der Mathematik wif- 
fen, und diefs allein liegt innerhalb der Grenze 
feiner Wifienfchaft. Vom Dafejn der Gröfsen 
etwas zu behaupten , mafsen fich die Rechnun- 
gen eines Eul er s undLaGranges nicht an. 

Alfo! Was kann der Menfch als Mathe- 
matiker wifien ? Diefe Frage hatte fchon ihre 
Antwort. Alles, was auf das Verhältnifs der 
Gröfsen Bezug hat ; nicht das Mindefie , was 
ihre anderweitigen Eigenfchaften , wodurch wir 
%''on ihrem Dafejn überführt werden , betrifft. 

Die Philofophie fcheint weiter zu gehen , 
als die Mathematik : fie will auch über das Da- 
fejn der Dinge entfcheiden. Ihre bejden Sätze, 
der Satz des Widerfpruches und Emfiimmung , 
follen uns belehren, was wahr ist und was 
falfch i s t, Das i s t wahr , fagt die Logik , 
a 4 



( 8 ) 

Tv-as nach 6em Satze der Einftimmung gedacht 
wird; das ist falfch, was einen Widerfpruch 
enthält. 

Die Philofophie erkennt demnach ihreAus- 
fpriiche für Gefetze des Dafeyns der Dinge : fie 
glaubt, dafs die Dinge fo oder anders sind, 
weil lie fich diefelbe fo oder anders denkt. 

Wäre diefs im Itrengfien Sinne des Wortes 
wahr, existirte alles wirklich fo wie wir es 
denken, fobald nur kein Widerfpruch im Den- 
ken begangen wird; fo liätte die Philofophie gar 
keine Grenze: der Menfch könnte Alles wif- 
fen. Wodurch follte diefs WifTen eingefchrankt 
werden? Der Mathematik befchrieb die Philo- 
fophie ihre Grenze , indem fie zeigte , das Ge- 
bieth diefer Wiffenrchaft eiftrecke lieh nicht auf 
das Dafeyn der Dinge. Aber wenn die Philo- 
fopliie auch das Dafeyn der Dinge umfafst, und 
alles ohne Widerfpruch Gedachte , fchon durch 
diefe Denkbarkeit fein Dafeyn erhalten foll ; fo 
kann das Gebieih der Weltweisheit keine Gren- 
ze haben , mufs es fich ins Unendliche erßre- 
cken. Eben fo wenig als es fich in der Mathe- 
matik angeben lafst , wie weit der Menfch es in 
der Einficht von dem V er hältni fs e der Gröf- 
fen bringen werde, indem hier wirkJich ein un- 



C9 ) 

begrenztes Feld zu überfehen vor ihm liegt; 
eben fo wenig fcheint es ficli von der Einficlit 
indasDaIejn der Dinge durch logifche Schlüfse, 
ausmachen zu lafTen , wie weit fie gehen werde, 
oder könne ? 

Und doch werden Sie m. H. diefe letzte 
Behauptung zuzugeben fich fehr firauben. Die 
tägliche Erfahrung liefert Ihnen Beyfpiele genug, 
wodurch der Satz widerlegt werden kann: dafs 
eine Sache , die ohne VViderfpruch gedacht Avird, 
defshalb fchon Dafeyn erhalte, weil fie richtig 
zufammengedacht worden. jMur eins unter vie- 
len zu wählen , erzähle man Ihnen von einem 
JNlenfchen z. B. verfchiedene Handluncen die 
feinen Character genau bezeichenen , befclireibe 
Ihnen feinen Körperbau, feine Gefichtszüge, 
alles aufs Deutlichlte , dafs Sie fich nun den Men- 
fchen, wie wenn er vor Ihnen ftande, denken. 
Sie haben jeden Widerfpruch bej diefer Zufam- 
menfetzung vermieden. Haben fie ihm dadurch 
Exißenz gegeben ? Gewifs nicht : jeder Held aus 
einem gut gefchriebenen Romane, die GrandiCo- 
ne und Rendoms müfsten auf eben diefe Weif? 
exiftiren. 

Nicht eher exißirt diefer Menfch wirklich 
für Sie, m, H, als bis Sie ihn auf irgend eine 

a 5 



( lO ) 

Art in Erfahrung bringen können: es ley nun 
dafs Sie ihn felbft gefehen , oder jemand Ihnen 
in vollem ErnR. verfichert , (offenbart) dafs er 
ihn -gefehen. 

Das blofse, felbft von Widerfpruch entblöfs- 
te Denken , gibt dem Menfchen alfo noch kein 
Dafeyn : es mufs noch etwas zum Denken hinzu« 
kommen , ehe wir überzeugt feyn können , dafs 
der gedachte Menfch , auch ein e x i s t i r e n- 
der Menfch fey; und zwar mufs , in unferm 
Falle , zu dem von Widerfpruch entblÖfsten 
Gedanken, noch die Erfahrung, oder die 
Möglichkeit der Erfahrung hinzukommen , ehe 
wir behaupten können , dafs wir vom Dafeyn 
des gedachten Menfchen überzeugt find. Wie 
aber , wenn das nun ßets der Fall wäre , wenn 
wir nichts eher von dem Dafeyn einer Sache 
^iffen könnten , als bis fie in Erfahrung gebracht 
werden kann ? 

Nun werden Sie m. H. unfere erfie Frage 
hoffentlich verftehen. Was kann der Menfch 
wiffen , heifst : ifl: es nothwendig , dafs wir zur 
Ueberzeugung vom Dafeyn einer Sache ftets an 
der Hand der — wenn auch nicht eigenen — 
Erfahrung gehen müfsen ; oder können wir bey 
ynanchen Sachen die Möglichkeit der Erfahrung 



( 11 ) 

entbehren , und un,s vom Dafejn derfelben durcU 
blofs fclmlgerechte Schlüfse überzeugen. Mit 
andern Wort2n : Ift die Grenze menfchlicher Er. 
kenntnifs über das Dafeyn der üinge, durch die 
Möglichkeit der Erfahrung gedeckt; oder reicht 
unfere Logik über die Erfahrung hinaus, und be- 
lehrt fie uns über der Sachen Dafejn , wenn auch 
weder wir, noch andere fie je in Erfahrung ge-» 
bracJit hätten ? 



■Fafl: eine ähnliche Bewandnifs hat es mit 
unfercr zweiten Frage: Was Joll ich thuji? — 
Auch hier wird nicht gefragt: was thun die 
Menfchen ? noch: was können iie thun; fon- 
dern: was foll der Menich thun? Auf die er- 
lien, hier nicht gemeynten Fragen, möchte wohl 
die Antwort fejn : Gutes und Böfes , je nachdem 
es kommt. Der feinen Nebenmenfchen beein- 
trächtigt, begeht eine böfe Handlung; der ihn 
unterftüzt eine gute. Beydes gefchieht in 
der Welt ; und zu bej^den Handlungen haben die 
Menfchen die Fähiinkeit — die Handlung fowohl, 
als das Gegentheil können die Menfchen 
thun. 



( 12 ) 

Sonderbar aber doch ift es, dafs diefe fo 
einfache Antwort auf die bejden erwähnten 
Fragen , fchon die Beantwortung unferer erllen 
Frage : was foll nähmlich der Menfch thun ? 
Ilillfchwoigend vorausfetzt. Sobald wir fagent 
die Beeinträchtigung eines Menfchen fey eine 
böfe That , die Unterflützung eines Menfchen ei- 
ne gute, muffen wir doch wilfen , was gut und 
was böfe fej, miilTen wilfen , dafs er das eine 
thun, das andere unterlaffen foll, und muffen 
daher fchon im Befitze der Antwort auf die Fra- 
ge [eyn: was foll der Menfch thun? Denn die 
Ausdrücke einer guten oder böfen Handlung, 
lieiffen doch nichts anders , als dafs der Menfch 
die erfte thun foll, die andere unterlalTen foll; 
und da entlieht nun die Frage ; woher wilfen 
wir was der Menfch thun foll, um diefs gut, 
jenes böfe zu nennen? 

Aus der Erfahrung wird man vielleicht glau- 
ben. Wenn man nähmlich die heilfamen oder 
Ichädlichen Folgen einer Handlung hat kennen 
lernen ; fo wird fie von uns auch , im erlten 
Falle , für gut , im zAvejten für böfe erkannt 
werden: fo etwa, wie der Arzt eine Speife aus 
ihren Folgen beurtheilt , und die eine gut, die 
^jndere böl'e heifst , wenn die erfte leicht, die 
;»ndere fchwer zu verdauen ift. 



C ^3 ) 

Allein eine kleine Betrachtung witd Sie , 
hl. H. fehr bald überführen, dafs die Erfahrung 
uns hierin gar nicht zur Führerinn dienen könne, 
und dafs wir Handlungen mit dem Nahmen gut 
oder böfe belegen , ohne auf die Folgen zu felien, 
die aus ihnen entfpringen. Cajus läugnet z, B. 
ein Depoütum ab , das ihm Titius anvertraut 
hat ; läugnet es ab , ohne dafs ihn diefer vor Ge- 
richt forderte — denn er hat nicht das mindefie 
aufzuweifen — noch davon fprechen könnte, 
wenn er fich nicht felblt, wegen feiner Unvorfich- 
tigkeit , lächerlich machen , oder wohl gar für 
einen Verläumder gehalten Vverden wollte. Denn 
Cajus ßand üets in dem Rufe der Redlichkeit , 
und beweifet fich, durch das geraubte Gut, als 
ein fehr wohlthätiger Mann. Für Cajus hat die 
Handlung die befien Folgen gehabt ; und doch 
wird jeder von uns einfehen , dafs fie böfe fey. 

Glauben Sie nicht, m. H. Ihre Meynung 
dadurch vertheidigen zu können , dafs Sie fa- 
gen: wir nennen nur die Handlung gut, die für 
alle Menfchen erfpriefsliche Folgen hat; und 
hier leidet wenigftens Cajus. Aber unter' alle 
Menfchen gehört auch gewifs der , der eine Hand- 
lung begeht ; und wie viele Bejfpiele zeigen nicht, 
dafs der Menfch für WohltJjaten Undank ein- 
erndten , und gute Handlungen mit dem Leben 



C 14 ) 

bufsen murste. Herzog Leopold von Brauil- 
fchweig ficht eine arme ßauernfamilie unter den 
Wellen faft begraben. Geübte Schiffer wagen 
es jiicht ihr Lebeh der reifsenden Oder anzuver- 
trauen ; nur Kr beßeigt den fchwankenden Na- 
chen mit den Worten: ich bin ein Menfch wie 
fie .' eilt zu ihrer Rettung, will — aber neini 
der Kahn Itürzt um, und der Edle wird von den 
Fluthen Verfehlungen. Traurige Folge ! Die Tliat 
bleibt doch gut. 

Ueberdiefs würde eine Handlung , wenn ih- 
re Güte Ilets nach den Folgen berechnet werden 
müfste , zweideutig, weder gut nocli böfe feyn, 
fobald deren Folgen für eben fo viele Menfchen 
erfpriefölich , als nachtheilig find : nur das üeber- 
gewicht könnte entfcheiden , und für je mehr 
Menfchen die Handlung vortheilhaft ift, je bef- 
fer würde fie auch feyn. 

Aber wie fchwankend , und unbeftimmt^ 
unzulänglich und ungewils wäre diefs Mittel zur" 
Erkenntnifs der guten oder böfen Handlung : wir 
müfsten die Stimmen der ganzen Menfcliheit 
fammeln, müfsten die ganze ReiJie der zukünf- 
tigen Erdbewohner vor Augen haben, und über- 
zählen , welche Folgen eine Handlung auf die 
Nachkommenlchaft hat , ehe wir entfcheide» 



( 15 ) 
könnten , ob ße gut, gleichgültig , oder böfe Cef, 
Denn follen fclion einmahl die Folgen in An- 
fchlag gebracht werden , wer berechtigt uns nuc 
die Wirkung zu berechnen , die die Handlung 
auf die nächflen Menfchen um uns her hat? Der 
Ivlenfch müfste fich dann zum Weltbürger erhe- 
ben , und nur zitternd feine Schritte thun, da 
nur das Auge des Allwi/Tenden den Einflufs fieht, 
den lie auf die Zukunft haben. Was Taufende 
meiner gleichzeitigen Mitmenfchen beglückt , 
kann die Grundlage zum Unglücke von Millio- 
nen der fpätern Generation werden ; und nicht 
feiten , fo lehrt die Gefchichte , erwuchs der 
Nachkommenfchaft Heil und Seegen aus Thaten, 
vor denen die ZeitgenofTea mit Abfcheu zurück« 
bebten. 

Selbft der gemeine Menfchenverfiand lehrt 
uns fchon , dafs wir keine That nach ihren Fol- 
gen gut oder böfe nennen. Setzen wir ein Räu- 
ber ermorde einen Menfchen , von dem es in dem 
Buche des Schickfal*jgefchrieben lieht, dafs feia 
Leben für Welt und Nachwelt eine wahre Gel- 
fei geworden wäre. Der Mörder hat uns von 
einem grofsen Unglücke befreyet. Hat er aber 
eine gute That begangen ? Nützlich war iie^ 
das läugnet kein Menfch; aber war fie gut? 



( 16 ) 

Was hilft "s uns mit Sophiflereyen betauben 
zu wollen ! jedermann weifs ,, nicht die Gabe, 
nur der Wille macht den Geber ; " und l'o auch 
allgemein ; nicht die That und deren Folgen , 
fondern der Wille , nach welchem lie vollbracht 
wird, erwirbt ihr den Nahmen einer guten oder 
böfen Handlung. 

Aber nun werden Sie wohl leicht begreifen, 
m. H. , wie wenig uns die Erfahrung zum Pro- 
bierllein des guten oder böfen Willens dienen 
könne. AuIIer der gänzlichen Unmöglichkeit den 
Willen anderer , bey einer g e f c h e h e n e n That, 
früher als die That felblt zu erfahren , aufser 
der Nothwendigkeit alfo , in die wir dadurch 
\'erfetzt werden, den Willen durch die That, 
nicht die That durch den Willen zu beurtheilen, 
aufser diefem , liegt noch eine andere Schwierig- 
keit hierin. 

Wenn auch die Handlung gar nicht zu Stan- 
de kommt, ift nun, da ihr# Güte oder Bosheit 
auf den Willen ankommt nach dem fie unternom- 
men ward, ift nun, fag' ich, der Wille felblt der 
Beurtheilung unterworfen , wird nun der Wille 
gut fejn, der auf gewilfe Handlungen zielt, ein 
anderer böfe feyn , der entgegengefetzte Hand- 
lungen wirklich zu machen begehrt. Welches 

Maals 



C 17 ) 

Maafs aber haben wir die Güte oder Bosiieit des 
Willens zu ermefl'en ? 

Der Wille geht derThat zuvor: fie foll erft 
durch ihn ihr Dafeyn erhalten. Was foll der 
Menfchthun ? Welchen Willen darf ich inThiU 
tigkeit übergehen lalTen , und welchen mufs ich 
unterdrücken? 

Von welchem weiten Umfange diefe Frage 
f ey , wird Ihnen, ni. H. wohl von felbfl; einleuch- 
ten. Denn liefse fie fich nicht beantworten , 
liefse fich keine , von der Erfahrung unabhangi* 
ge Regel feßfetzen , nach welcher diefe Handlung 
gewollt werden darf, jene nicht gewollt werden 
darf; fo liefse fich auch niciit das kleinfie pofi- 
tive Gefetz geben, das nicht fürchten müfste, 
alle Augenblicke mit Füfsen getreten zu werden. 
Nehmen wir das pofilive Gefetz : du follß nicht 
ßehien zum Bejfpiel. — Wachte nicht in dem 
Geuiüthe des Menfchen ein Ricliter , der den 
Willen zur Verletzung des Eigenthums eines an- 
dern verdammte ; fo würde man fich nur durch 
die Furcht vor Strafe von diefem Verbrechen 
abhalten laden ; und jeder, der fchlau und glück- 
lich genug wäre , um der Strafe zu entgehen , 
Würde diefs Gefetz übertreten. 



( 18 ) 

Ich weifs was Sie denken , m. H. Sie wer- 
oen lagen : der beffere Menfch werde nichts thun, 
wodurch der Nebenmenfch gekränkt wird, wer- 
de daher auch nie das Eigenthum des andern 
angreifen, ielbfr wenn gar keine, weder göttli- 
che noch menfchliche Strafe darauf flände. 
Das Gefetz fey nur für den gemeinen Mann , 
u. d. gl. 

Aber wahrlich m. H. Sie räumen mir durch 
diefen Einwurf alles ein , was ich will. Der 
befTere Menfch , fagen Sie , wird eine folche 
Handlung , auch ohne verbiethendes Gefetz , 
nicht ausüben. Aber warum nicht? Ift fie etwa 
der phyfifchen Natur des Menfchen zuwider , 
kann er das Eigenthum des andern eben fo we- 
nig mit fich verbinden , als Gift mit feinem Ma- 
gen ? wäre etwa die Zerfiörung feiner Mafchine 
rotluvendige Folge diefer That ? Onein! Sie fa- 
gen felblt , dafs der gemeine , ungebildete Menfch 
fie begehen würde , wenn es nicht verboten wä- 
re. Der phyfifchen Natur des Menfchen ift fie 
alfo nicht zuwider; und doch behaupten Sie, 
der belfere Menfch würde fie nicht begehen?' 
warum uicht ? weil er weifs , was er thun foTI, 
weil er überzeugt iß , dafs das pofitive Gefetz 
ihm nur eine Handlung zu unterlaflen befiehlt, 
von der ihm feine Vernunft gefagt hat, daTs er 



C ^9 ) 

ße umerlaffen Toll , und deren Befehle er befol- 
gen mufs , wenn er auf den Titel Menfch An- 
fprüche machen will.- 

Dem kleinften pofitiven Gefetze geht daher 
Ilets irgend eine Regel vorher, die , an und für 
fich , dem vernünftigen Menfchen zur Richt- 
fchnur dient , aus der das pofitive Gefetz felbß 
erfi: entfpringt, und die ihm zeigt das foll er 
thun, das foll er unterlaffen. Welches ift die- 
fe Regel? was foll ich thun? 



Wir kommen nun zu unferer dritten Fra» 
ge : JVas darf ich Jio[fen ? 

Hoffnung, wie diefer Ausdruck im gemei- 
öen Leben genommen wird, befteht wohl le- 
diglich aus Neugierde und Selbftliebe. Wenn 
wir angefangen haben, das Schickfal irgend ei- 
nes , fey es auch eints erdichteten Menfchen 
zum Theil kennen zu lernen , find wir begie- 
rig die Kataßrophe , das Ende feines Schick- 
fals zu erfahren. Diefer Blick in die Zukunft , 
den wir zu erlangen wünfchen , verwan- 
b 2 



( ao > 

delt ficli , wenn er auf unfer , oder einer uns iil- 
terefsireudea Perfons Schickfal Bezug hat, in 
Hoffnung : wir wünfchen das Ende unferes Le- 
benslaufs zu kennen ; aber da wir aucli zugleich 
wollen, dafs diefs Jtnde für uns angenehm fcyu 
foU, wiegen wir uns mit dem Trolte ein, dafs 
es fo feyn werde , wie wir wollen. 

Dafs Neugierde, oder wenn Ihnen das Wort 
nicht paffend genug fcheint, dafs Wifsbegierde 
«inen Befiandtheil der Hoffnung ausmache, wer- 
den Sie wohl zugeben, m. H. wenn Sie in ihr 
eignes Herz greifen, und fich felbft zu Rathe zie- 
hen wollen. In der That fobald wir uns in ei- 
ner mislichen Lage befinden , aus der wir be- 
freyet zu werden hoffen , fragen wir uns gleich- 
fam felbft : wie wird das ausgehen ? Aber auch 
fogleich geben wir uns die Antwort : es wird 
noch alles gut gehen. Die Wifsbegierde flöfst 
uns die Frage, und die Vorausfetzung , dafsdais 
Ende unferes Scliickfals für uns angenehm aus- 
fallen müfäe, die Anfrort ein. 

Merkwürdig ift es , dafs der Spiachgebrau(5h 
(chon zweyerley Hoffnung kennt , und die e i* 
feie Hoffnung von der gegründeten, genau 
untei;fciieidet. Dafs ein Meufch , der fich als 
Rechtsgclehrter rülimlich ausgezeichnet Iiat, fich 



(21 ) 

Hoffnung macht, durch feine Kenntnifse, als Pro- 
feflbr der Rechte angeflellt zu werden , wird je- 
der als gegründete Hoffnung gelten lafTen ; wenn 
er aber glaubte dadurch dereinfi: als erfter Leib- 
arzt zu glänzen, würde man feine Hoffnung als 
eitel verlachen. Worauf gründet lieh diefer Uii- 
terfchied ? wäre zur Hoffnung nichts als Wifs- 
begierde über das Ende unferes Schickfals , und 
die Luft an dem glücklichen Ende deffelben er- 
forderlich , warum könnten wir nicht alles hof- 
fen ? Jede Möglichkeit in der Folge glücklich 
zu feyn , könnte ein Gegenßand unferer Hoff- 
nung werden : keine wäre eitele, jede gegrün» 
dete Hoffnung. 

Aber nein! Das wodurch? kommt mit 
in Anfchlag. Wir find uns bewufst, dafs wir 
erft etwas thun muffen, ehe das Glück, das 
wir wollen , erfolgen kann: unfere Handlun- 
gen muffen den Grund abgeben, damit das 
Glück als Wirkung entliehen foU; und ift da- 
her die Bedingung erfüllt , haben v/ir gethan , 
was wir follen, fo ift: auch unfere Hoffnung ge- 
gründet 5 im entgegengefetzten Falle , ift fie ei- 
tel, 



b 3 



( 22 ) 

Sie fehen alfo , meine Herren ! dafs gegrün- 
dete Hoffnung aus drej Beftandtheilen zulanimen 
gefetzt ift: Erßlich, aus der Begierde unTerSchick- 
fal zu erkennen; zweytens aus der Lust an 
unferer G 1 ü c k f c li g k e it ; und drittens, aus 
dem Bewufstfeyn , dafs die Handlung, die wir 
thun, den Grund enthalte zu dem glück- 
lichen Schickfale, von dem wir gern wiReri 
möchten , ob es uns werde zu Tlieil werden , 
oder nicht. 

Soll daher eine Hoffnung nicht eitel fejn , 
foll der Menfch nicht jeden auflteigenden Wunfcl^ 
für eine gegründete Hoffnung halten ; fo mufs er 
ßch drey Fragen beantworten : 

1° Kann ich etwas von dem wiffen, waa 
in der Zukunft gefchehen wird ? 

Denn wenn ihm diefs ausdrücklich verfagt 
wäre , warum plagt' er fich vergebens fein Schick- 
fal zu erforfchen. Sein Blick wird durch die 
Gegenwart befchränkt , mit den Augen des Ver- 
ßandes kann er nur was hinter ihm liegt , nur 
in die Vergangenheit fehen — die Ausficht in 
die Zukunft ift in Nacht gehüllt , fein Blick 
durchdringt fie nicht. 



(23 ) 

2° Ift es nothweudi g dafs ich glücklich 
werde ? 

Wäre es nicht nothwendlrr , dafs der Menfch 
einft — hienieden , oder jenfeits des Grabes 
glücklich werden müfste , was berechtigte ihn je 
ein befTeres Schickfal zu hoffen. Er ift unglück- 
lich; immerhin! er kann es vielleicht ewig feyn. 
Wer fagt ihm, dafs das Ziel feiner Wünfche 
einß ftehen bleiben wird , um fich von ihm errei- 
chen zu laffen ; vielleicht wird es ihn ßets flie- 
hen , und um deflo fchneller, je länger er ihm 
pachläuft ? 

3° Was foll ich thun, um glücklich zu 
weiden? 

Das Bewufstfeyn, dafs etwas gefchehen 
mufs , ehe man berechtigt ift, nach Glückfelig- 
teit zu hoffen , das Bewufstfeyn , dafs nicht al- 
len Menfchen jede Art von Wunfeh gewährt 
werden könne , diefs Bewufstfeyn , das jedem 
Menfchen beywohnt , macht die Beantwortung 
diefer Frage zur unumgänglichen Noth wendig- 
keit. Brauchte der Menfch gar keine Bedin- 
gung zu erfüllen , um glücklich zu feyn , fo 
dürfte er alles hoffen ; und wüfste er nicht , wel- 
b 4 



( 24 ) 

dies diefe Bedingungen find , die er erfüllea 
iiiiifs elie er Glückfeligkeit hoffen darf; fo 
würde er auch nicJit berechtigt fejn zu hofien. 
Ks wäre entweder alles oder nichts gegründete 
Hoffnung. 

Wie Sie felien , m. H. kommen in der Fra- 
ge : was darf ich iioffen ? zwey Stücke vor, 
von denen wir fchon vorhin gefproclien. Kann 
ich etwas von der Zukunft wifTen? ift nur ein 
befonderer Fall von der allgemeinen Frage : 
was kann ich wilTen ? Ift nur diefe erft beant- 
wortet, läfst es lieh ausmachen , was wir wif- 
fen können ; fo wird es hch wohl von felbß 
ergeben , ob wir etwas von der Zukunft willen 
können. 

Eben fo ifl die Frage: was foll ich thun, 
lim glücklich zu werden ? nur ein befonderer 
Fall von der allgemeinen : was foll ich thun ? 
Denn das , was ich zur Erreichung der Glück-, 
feligkeit tliun niufs , kann nicht von dem ver- 
fchieden feyn , was ich überhaupt thun foll, 

Die einzige Frage: mufs ich einft glücklich 
werden? ifl neu, und kommt der Frage: was 
darf ich hoffen? als eigenthümlicher Beftand- 
theil zu. Sie verbindet gleichfam die beydea 



( 25 ) 

erften : wenn icli thu , was ich foU um des Glü- 
ckes würdig zu feyn , werde ich auch dann wif- 
fen , dafs ich glücklich feyn werde. 

Erfahrung kann uns hierüber keinen Auf- 
fchlufs geben. Sie kann uns nicht lehren, was 
wir willen können , nicht lehren , was wir thun 
follen , und daher auch nicht die Antwort der 
^us der Verbindung bejder entitandenen dritten 
Frage : was darf ich hoffen ? 



Viele Weltweife , die man Empiriker 
nennt , glaubten die Antwort auf unfere drey 
Fragen in der Erfahrung fuchen zu muffen , und 
finden zu können. Sie haben lieh geirrt , wie 



wir gefehen. 



Viele Weltweife , die man Dogmatiker 
nennt, glaubten der Erfahrung gar nicht zu be- 
dürfen , und die Fragen doch beantworten zu 
können. Sie glaubten , vorzüglich in Betreff 
der eilten Frage: was kann ich wilTen? aus deü 

b5 



( 2^ ) 

Geietzen der Vernunft darthun zu können » dafa 
das Willen des Menfchen ohne Schranken fey, 
dafs man nur richtig fchliefsen , nur den Vor- 
jchriften der Logik treu nachleben müfste , um 
von allem , was die menfchliciie Wifsbcgierde 
(ich je als Frage aufwirft , eine überzeugende 
Antwort zu erhalten , und dafs man daher fchon 
durch Schlüfse einem ^Vefen Dafejn gebe , felbft 
dann, wenn uns weder Gefchichte noch Tradi- 
tion das Dafejn delFelben gelehrt hätte. 

Man fchlofs richtig, man beobachtete rich- 
tig , man zog hier die Logik , dort die Erfah- 
rung zu Rathe , in der äufTerlichen Behandlung 
ging nicht der kleinite Fehler vor; und doch — 
fonderbar genug ! — blieben dem Denker feine 
Fragen unbeantwortet. 

Er freuete fich über den Scharffinn , den 
Beobachtungsgeift der Männer, die fie zu beant- 
worten ßrebten , freuete ficii über die Kraft des 
Menfchen, die ein Gebäude von Schlüfsen auf- 
führte, delTen Spitzein das Heiliglhum des Him- 
mels drang — freuete fich von der einen Seite; 
aber beklagte von der andern die Leere, die er 
empfand: — denn feine Fragen vvaren nicht be- 
antwortet. 



( 27 ) 

Schon verzweifelte er je feine Fragen be- 
antwortet zu fehen : vollkommener Slcepti- 
cismiis bemeifterte fi.h feiner Seele j und 
um des traurigen Gemüthszufiandes der Zwei- 
felsfucht fich zu eutfclilagen , ergriff er je- 
des, noch fo fonderbare Mittel, das man ihm 
anbot. 

Auf welche Abwege liefs er fich führen, 
welchen Kampf mit fich felbft befiand er gern , 
um fich nur dem Heiligthume zu nähern , worin 
er das Wichtigfte zu finden glaubte , das den 
Menfchen angeht. Bald begleitete er den Idea- 
listen in Regionen, wo nur Geifier ohne Kör- 
per wandeln ; bald den Materialisten in 
eine Werkfiatt, wo leelealofe Körper mafchinen- 
artig wirken, und bald horte er dem Egoisten, 
der ihm lein eigenes Dafejn ablaugnete , mit 
Wohlgefallen zu , weil er ihm , durch den Ver- 
zicht auf fein eignes Dafeyn , zu beweifen ver- 
fprach , dafs er unfierblich fey, dafs er tugend- 
haft fejn müfse , dafs ein Gott exifi;ire. 

Woher karn diefs? — Der Grund diefes 
glänzenden Gebäudes war nicht unterfucht ; man 
wähnte, dafs, ohne Erfahrung und Glaube, 
fchon durch Schlüfse jedem Dinge Dafcjn ver- 
fchafft werden könne, ui^d nun kam es freylici^ 



( 28 ) 

»ur darauf an, wie man diefe Schlüfse machen 
follte. 

I m a n u e 1 Kant, unterfuchte durch fünf- 
zehn Jahre den Grund aller bisheiigen Syßeme, 
und fand, dafs es dem Menfchen nicht vergönnt 
fey, das Dafeyn des kleinften Wurmes durch 
biofse Schlüfse zu bevvirlien : nur dann erfi; , 
wenn eigne Erfahrung, oder die Gefchichte ihn 
über das Dafejn einer Sache belehrt , kann er 
<3 eilen Eigenfchaften durch Schlüfse entdecken j 
pur dann wiflen , dafs es da fey. 

i\ber diefe Unterfuchung bedurfte einer Pru» 
fung der Vernunft felbß; es mufsten den Anmaf« 
fangen der Vernunft felbft, ihre Grenze gezogen 
werden , wenn fie den Menfchen nicht abermahls 
in jene Irrgänge unwillkiihrlich mit fich fortreif- 
fen , Wenn der grillenhafte Idealift , der ge- 
fährliche Skepticift , und der kühne Dogmatift 
gutwillig einräumen foUen , dafs fie gefehlt ha^ 
ben. 

Darauf lehrt nun diefer Weltweife , dafs 
wenn Gott uns nicht die Gnade erzeigt hätte , 
fein Dafeyn uns zu offenbaren, wir es nie durch 
Schlüfse unferer fchwachen Vernunft bis zur völ- 
ligen Gewifsheit herausbringen könnten; lelirt, 



( 29 ) 

dafs "vVit , durch die von dem ewigen Wefen uns 
Verliehenen Vernunft, den Allfchöpfer als dea 
heiligen Gefetzgeber der Moralität betrachtea 
müfsen ; lehrt, dafs die Tugend des Menfchea 
Reh nicht auf Furcht vor Strafe oder Hoftnun» 
zur Belohnung , fondern auf den Gedanken grün- 
den inüfse , dals er dadurch in den Augen des 
AllWilTenden der Glückfeligkeit würdig werde ; 
lehrt, dafs diefe Glückfeligkeit nur durch eiue 
ewige B'ortdauer des Menfchen erreicht werden 
könne; und endlich, dafs felbfi: das Gefühl des 
Erhabenen nur dann uns mit Wohlgefallen er- 
füllen könne, wenn der Gedanke an Gott und 
Ünfierblichkeit diefs Gefühl belebt. Wie heil- 
fam für Religion und Staat lind diefe Lehren , 
wie wohlthätig für den Denker ! 

Dunkel wird Ihnen, m. H. der Weg frei- 
lich fcheinen , den ich Sie zur ünterfuchung des 
Grundes der philofophifchen Gebäude führen 
mufs ; denn Sie treten aus einem grenzenlofea 
Räume , in welchem viele Windlichter ihre Au-. 
gen blendeten , in ein begrenztes unterirrdi- 
fches Gewölbe , das nur von der einzigen Fa- 
ckel der Wahrheit beleuchtet wird. Aber bald 
wird fich ihr Auge an diefe fchwache Beleuch- 
tung fo gewöhnen , dafs Ihnen jener Schim- 
mer unerträglich fallen mufs. Wie glücklich 



( 30 ) 

Ware ich , wenn die Vorlelungen , die ich die 
Ehre liaben werde , Ihnen zu halten , Ihnen da» 
Geftändnifs ablocken foUten , dafs man bey ei- 
nem Funken Wahrheit belTer fche, als bey den 
laufend Irrlichtern des Irrthums. 



VORLESUNGEN 

Über die 
CRITIK DER PRACTISCHEN VERNUNFT. 



|:RSTE VORLESUNG. 

I. 
(Zweck des Werkes.) 



.. Wn> 



e n heifst das Vermögen des 
Menfchen fich felbft zum Handeln zu Leftim- 
men ; und Wollen, die wirklich gewordene 
Willensbeftimmung, So will jemand wohl- 
thätig feyn, wenn er fich zu Handlungen der 
Wohlthätigkeit beftimmt. 

2. Wenn jemand irgend einen Gegen- 
wand durch die Willensbeftimmung wirklich 
zu machen begehrt , wie wenn , in unferm 
Falle, jemand defshalb wohUhätig fejn woll. 
■te, um das Wohl feiner Mitmenfchen zu be- 
fördern, und ihrer Noth abzuhelfen ; fo heifst 
der begehrte Gegenftand der Zweck der 
WillensbeJtimmuna, 



2 



3. Dns aber , wodmch die Handlung 

wirklich werden kann , die den begehrten 

Zweck (2) hervorbringen foll , heifst das 

Mittel dazu. Durch Willen, Reichthum , 

Anfehen u. f. \\\ wird die Wohlthätigkeit 

möglich, 
o 

4. In (b fern der Grund zur Willensbe- 
fiimmuno- fnbjectiv , von einem Gefühl herge- 
nommen ilt, heifst er Trie bfed er; er heifst 
aber Beweggrund, in fo fern er objectiv, 
und von einem , fich nicht auf ims beziehen- 
den Gegenltand hergenonnnen ilt. Wenn man 
fich der Noth anderer abzuhelfen aus Mitlei- 
den befiimmt, fo ilt das Mitleiden die Trieb- 
feder , und der Gedanke , dafs durch die 
Wohlthätigkeit der Noth des Mitmenfchen ab- 
p-eholfen wird , der Beweesiund zur Willens- 
beltimmung. 

^. Da der Wille ßets das Mittel zu einem 
Zwecke ift; (3) fo beruht die Willensbeftim- 
mung auf der Einficht in den Zufammenhang, 
der fich zwifchen dem Mittel und dem Zwe- 
cke vorfindet. Folglich ilt fie ein Werk der 
A'ernunft. 

6, Dafs der be!?ehrte Zweck erreicht wer- 
de , ilt nicht nothwendig zur Willensbeftim- 
mung : die Erreichung hängt gröfstentheils 
von äulTern Umitänden ah» die nicht fiets in 
unferer Macht ßehen. Aber, wenn nur ber 
der Willensbeliimmun^ auf diefen Zweck hin^ 



3 
g^efehen ward , war er fchon ein Grund zu 

derlelben , war alfo ein Beweggrund (4) 

7. Der Zweck, als Beweggrund gedacht, 
(ö>murs, auf irgend eine Art, auf mich be- 
zogen werden können. Denn wenn er in gar 
keiner Verbindung mit mir ßände, könnte er 
auch die Willensbeftimmung, als eine Verän- 
derung in mir , nicht hervorbringen. Nun 
heifst aber der Bezug, in dem ich zu einem 
äuflern Gegenftand ftehe , ein B e d ii r f n i f s ; 
und jedes Bediirfnifs gründet fich auf mein 
Gefühl. Daher fetzt ein Zweck, In fo fern 
er als Beweggrund dienen fbll , noch überdiefs 
etwas Subjcctiyes , eine Triebfeder (4) voraus. 
[\. Ohne noch zu wilTen , was eine niora- 
lifche Handlung fej, lehrt doch jedermann fein 
eignes Bewufstfejn , dafs eine Handlung, die 
aus Triebfedern begangen wird , keinen mo- 
ralifchen Werth habe. Der Kaufmann, der die 
Leute ehrhch bedient, weil er dadurch feine 
Kiuidfchaft zu vergröfsern begehrt ; der iMenfch, 
der nicht lügt, weil er feinen Leumund zu be- 
fchmutzen fürchtet, begehen zwar pflichtmäf- 
%e Handlungen, denen aber doch das Be- 
wufstfejn eines jeden keinen moralifchen Werth 
bejiegt. Bejde würden, fo denken wir, auf 
entgegengefetzte Weife handehi, wenn fie kei- 
ne fchädliche Folgen fürchteten. 

9. In diefen Fällen fprechen wir demnach 
den Handlungen defshalb moralifchen Werth 
A 9 



4 

ab, weil <5ie W illensbeftlmmung eine Trieb- 
feder vorausfetzt , die nicht nothwendig iit. 
Folglich werden wir nur folchen Handlungen 
moralifchen Werth beilegen , deren Beweg- 
grund nothwendig ift. 

10. Aber Beweggründe, die aus der Er- 
fahrung gefchöpft werden, Und, wie alles, 
was Erfahrung liefert , nicht nothwendig. 
(§. 13) *) Folglich müfsen die Beweggründe, 
die nothwendig feyn follen wenn eine Hand- 
Jung moralifchen Werth hat , d prioj-i gege- 
ben fejn. 

11. Die Auffuchung der Be\<'eggründe d 
priori, und die Darltellung der Möglichkeit 
ihrer Wirkung auf uns, um unfern Willen zu 
beftimmen , ilt das Gefchäftder Critik 
der p r a c t i f c h e n Vernunft, 

II, 

(Analytik der Grundfätze.} 

12. Vorausgefetzt , dafs die reine Ver- 
nunft, ohne Hinficht auf einen in der Erfah- 
rung gegebnen Zweck, an und für fich das 
Vermögen befitze , einen Bertimmungs2;rund 
des Willens abzugeben, dafs der Menfch da- 
her v/ollen könne , blofs weil die Vernunft 
ihm befiehlt zu wollen; fo wird der dadurch 

*) Die mit S bezeichneten Numern bezielien fich aufmei- 
ae Vorlefunjen über die Critik der reinen Vernunft. 



s 

wirklich gewordene Wille, erfUich unter irgend 
einem Gefetze fiehen , und zweytens für alle 
vernünftige Wefen gültig, daher nothwendig 
(§. II.) i'eyn. Die Vernunft, als Urfache, 
bringt in allen die Wirkung, den durch fiebe- 
itimmten Willen nähmlich , fo unausbleiblich 
hervor , wie jede Urfache ihre Wirkung. 

13. Die Willensbeßimmung, die, unter 
diefer Vorausfetzung, blofs als Wirkung der 
Vernunft betrachtet werden niüfste, entfpringt 
nach einem practifchen G c f e t z e : (^. 689) fo ' 
dafs daflelbe den Grund einer für alle 
vernünftige Wefen g ü 1 1 i g- e n W i 1- 

1 en s b e fi i mmu ng enthalt. 

14. BefälTe aber die reine Vernunft diefs 
Vermögen nicht, thäte fic nichts als den Zu- 
fammenhang zwifchen Mittel und Zweck ein- 
fehen , (5) wäre fie alfo nicht der eigentliche 
Beweggrund zur Willensbeltimnuing, fondern 
müfste Itcts erft ein Zweck gegeben werden, 
vermöge delfen die Vernunft den Wollen be- 
Itimmt; fo wäre die, folcher Geltalt durch die 
Vernunft nur zum Theil bewirkte Wiilensbe- 
liimmung, nicht allgemein gültig, nicht noth» 
wendig : bey andern' Zwecken würde auch 
die Vernunft den Willen anders beftimmen , 
und die W^illensbeftimmung wäre nur für das 
Subject gültig , das diefen Zweck erreichen 
will. Folglich hätte , unter diefer Vorausfet- 
zung, keine Handlung moralifchen Werth. (9) 

A 3 



6 

ij. Die Willensbeliimmung , dliMinr für 
ein Snbject gültig ili, in fo fern es dadurch ei- 
nen Zweck zu erreichen glaubt , entfpringt 
nach einer Maxime: fo dafs diefclbe den 
Grund zu einer f u b j e c t i v e n W i 1- 
1 ensb e f t i mm u n g enthält. 

1 6. Die Mnximen fowohl , (i^) ^^^ <^'G 
practiCohen Gefetze , (13) heifsen practi- 
fche Grundlätze. 

i;?. Die Maxime enthält demnach den 
Grund zu einer bedingten Willensbeflim' 
mung: unter der Bedingung nähmlich, dafa 
ich die Wirklichwerdung des Gegenftandcs A, 
als Zweckes begehre , will ich auch die Hand- 
lung B, als Mittel, begehen. Ich will wohl-- 
thätig handeln , weil ich die Gliickfeligkeit 
des Mitmenfchen befördern will. 

18. Jeder bedingte Sat^ kann allgemein 
gemacht werden, wenn man die Bedingung 
dem Satze hinzufügt. Nimmt man daher in 
der Maxime die Bedingung zugleich mit auf; 
fo wird fie aligemein unter gewilfer Bedin- 
gung , und heifst dann V o r f c li r i f t ; wer die 
Wirklichwerdung des Gegenßandes A will, 
inufs die Handlung B begehen. 

/p. In der blofsen Maxime C*5) '^ 0'*^' 
nichts Befehlendes enthalten : ich will B, 
weil ich A will. Hingegen befiehlt die 
Vorfchrift (i?) fowohl, als das Gefetz (13) 
die Handlung B. „ Wer A will , fagt die Vor- 



7 

fchrift, m u Cs B begehe» : „ Du f o 11 s t B be- 
gehen , fagt das Gefctz. Diefer Befehl, der 
in bejden liegt, heifse der Imperativ. 

20. Voransgefetzt , dafs es practifche 
Grundlatze (16) gäbe, bej denen die einzige 
Antwort auf die Frage : warum foll ich B be- 
gehen ? die ift : weil du ein vernünftiges Wc- 
fen bift ; fo brauchte man als Beweggrund 
nichts anders als die Vernunft felbit anzuneh- 
men : die Willensbeßimmung wäre für alle 
vernünftige Wefen gültig, entfpränge nach ei- 
nem practifchen Gefetze. (13) Da nun der 
Imperativ (19), der das Gefetz ausdrückt, 
gar keine andere Bedingung enthält, als weil 
es die Vernunft fo befiehlt ; fo heilTe er ein 
categorifcher Imperativ. 

2i. Mufs man aber, wie diefs bey der 
Vorfchrift (ig) gefchieht, die Antwort auf die 
(:o) erwähnte Frage aulTerhalb der Vernunft 
fuchen ; fo wird die Willensbeßimmung, in fo 
fern fie eine Einficht in den Zufammenhang 
zwifchen Mittel und Zweck fordert, zwar Werk 
der Vernunft , (-,) aber ihr Imperativ nur be- 
dingter Weife gültig feyn. ,, Wer A will, 
mufs B begehen , " alfo nur der mufs ß be- 
gehen , der fich A als Zweck vorgefetzt hat. 
Der Imperativ der Vorfchrift ift demnach nur 
ein h V p o t li e t i f c h e r Imperativ. 

22. Der Unterfchied zwifchen dem hy- 
pothetifchen Imperativ, C21) und o.eva catego- 
A 4 



9 

rifchcn ( >») \il eitileticlitend. Durch den zwei- 
ten foll ich eine Handumg zur Wirklichkeit 
bringen , weil ich etwas von ihr verfchiede- 
nes, das auch noch nicht da ist, den Zweck 
nähmlich, will. Durch den erßen hingegeiv 
foll ich eine Handlung zur Wirklichkeit brin- 
gen, weil etwas da ist, das ich nicht ändern 
kann ; ich foll B begehen , weil ich ein vei«» 
nünftiges Wefen bin , und als folches , unab- 
hängig von meinem Willen , exifiire. 



IIL 



23. Der Zweck, (2) wefshalb mein Wil- 
le mir etwas zu thun befiehlt, heilst das O b- 
ject, oder die Materie des Begehrungs- 
vermögens. 

24. Daraus folgt, dafs die categorifchen 
Imperative (20) keine Materie (J3) haben. 
Denn fie befehlen nicht, damit etwas er- 
reicht werden foll: die Handlung foll gefche- 
hen , weil fie von einem vernünftigen Wefen 
gefchieht, nicht damit ein vernünftiges We- 
fen entßehe. 

<2j. Hingegen hat jeder hypothetifcher 
In^perativ (21) eine Materie; (2^) denn er 
befiehlt die Handlung B nur, damit A, als 
Zweck , wirklich werde. 

26. Ift der Zweck A fo befchaffen, 
dafs ich ihn wollen mufs , weil ich ein ver- 



9 

niinftiges Wefen bin ; Ib ift auch der Impera. 
tiv, der B befiehlt, nur zum Scheine h/po- 
thetifch: als Folge eines categorifchen Impe- 
rativs, iß er felbft categorifch. 

27* Soll aber ein Imperativ wirklich hy- 
pothetifch fejn ; fo ift diefs nur dann mög- 
lich , wenn A ielbfl nicht nothwendig, und 
felbft hjpothetifch- ift: wenn nähmlich A be- 
gehrt wird 5 weil a begehrt wird , der Zweck 
a aber b , b den Zweck c , u. f. w. voraus- 
fetzt. 

28. Nun fcheint es zwar anfänglich , als 
wenn das , was ein wiiklich hypothelifcher 
Imperativ (27) fejn foli , den Zweck in" 
Unendliche verfchieben müfste, indem jeder 
Zweck eines andern wegen gewollt wer- 
den müfste. Diefs hiefse aber fo viel, alsgä^ 
•be es keinen wirklich hjpothetifchen Impera- 
tiv : welches der Erfahrung widerfpräche. Al- 
lein in der That verhält es fich nicht fo; und 
das zu zeigen, foU uns in der nächlien Vorle- 
fung befchäftigen» 



A ^ 



i.o 



2WEYTE VORLESUNG. 
IV. 

(Von den materialea Principien.) 

29. Glückfcligkeit wird uns zu Thell, 
^enn alle unferp gewollteu Zwecke erreicht 
werden. 

30> Sobald einer un lerer Zwecke erreicht, 
ein Theil unferer Glückfeligkeit (29) alfo be- 
fördert wird, iß uns wohl, 

31. Bej jeder Verfehlung eines Zweckes, 
hey der Beraubung eines Theiles unferer Glück- 
feligkeit, ift uns weil. 

32. Das Bewufstfeyn, dafs uns wohl ift, 
(30) erregt Luft, oder angenehme Em- 
pfindung; das Bewufstfeyn , dafs uns weh 
iß , (31) erregt U n 1 u ß , oder unangeneh- 
me Empfindung. 

ßr^. Vorausgefetzt, dafs jede Erreichung 
eines Zweckes nur gewollt werde, weil der 
Zweck unfere Glückfeligkeit befördert ; fo 
kann die Beförderung der Glückfeligkeit als 
letzter Endzweck angenommen werden, 

34. Diefer letzte Endzweck (^^) iß den- 
noch nicht nnbedingt nothwendig. Denn die 
Art, wie er erreicht weiden kann, läfst fich 
nur empirifch geben , und ift daher nicht all- 
gemein gültig: was dern einen Menfchen Luft 



11 

erregt , kann gerade das Gegentheil bej dem 
andern hervorbringen. 

^ß. Zielt daher ein hypothetifcher Impe- 
rativ auf die Beförderimg der Gliickfeligkeit; 
fo hat er zwar einen letzten Endzweck, bleibt 
aber demuncrachtet blofs hypothetifcL. (21) 

36. Der oberlte Griindfatz , woraus alle 
practifchen Grundfätze (16) abgeleitet werdqn 
können, heifst ein practifches Princip, 

37. Da wir jetzt noch nicht entfcheideii 
können , (33) ob j e d e Erreichung eines Zwe- 
ckes nur gewollt werde um unfere Glückfelig- 
keit zu befördern ; fo ift der Grund zu dem Im- 
perative eines practifchen Princips, (^6^ das 
eine Materie hat , (23) auf zwejerlej Art 
denkbar. Entweder die Materie hat aber- 
mahls die ihrige, der Zweck ift nur unterge- 
ordneter Zweck, ins Unendliche, (27) ohne 
je auf einen letzten Endzweck zu führen ; oder 
er führt endlich auf die Beförderung der Glück- 
feligkeit , als letzten Endzweckes. Im zwei- 
ten Falle iß der Imperativ hypothetifch, (^5) 
im erlten, ins Unendliche bedingt, in beyden 
Fällen alfo nicht unbedingt nothwendig, kein 
categorifcher Imperativ, (20) kein practifches 
Gefetz. (13) 

3,S. Es läfst fich aber beweifen , dafs alle 
materiale Principien, (23. ^6.) fo verfchicden, 
man fie auch ausdrücken mag, endlich auf das 
Princip der Glückfeligkeit hinauslaufen. Denn 



12 

die Materie (23) des Princips mufs in Bezug 
mit uns liehen , weil es fonfi: keine Verände- 
rung in uns hervorbringen könnte. Nun heifst 
der Bezug in dem wir mit einem Dinge Rehen, 
wenn wir uns dabey, wie bey jeder Verände- 
rung die in uns von auITenher bewirkt wird , 
leidend verhalten, Abhängigkeit von die- 
fem Dinge. Diefe fetzt ein B e d ü r f n i f s vor- 
aus, delTen Abhelfung Luft erregt. Folglich 
wird bey jeder Erreichung eines Zweckes 
Luft entftehen, wird unfere Gliickfeligkeit be- 
fördert werden , und daher wird kein materia- 
les Princip ein practifches Gefetz feyn. (35. 
36.) 

V. 

(Von dem formalen Princip.) 

39. Der Zweck, der erreicht werden foll, 
hiefs die Materie des Begehrungsvermögens; 
(23) die Handlung die begangen werden mufs, 
foll die Form delTelben heilTen. 

40. Nun aber kann eine Maxime, In fo 
fern fie eine Materie hat , fich nicht zum prae- 
tifchen Gefetzc erheben. (38) Folglich wird 
jedes practifche Gefetz (13) nur formal feyn 
können. Mit andern Worten : in einem prac- 
tifchen Gefetze, mufs, wenn es eins gibt, die 
Form (39) an und für fich fchon hinreichen, 
um von allen vernünftigen Wefen , ohne 



Rücklicht auf die Materie , gewollt zu wer- 
den. 

41. Kur noch zwej Schritte! Jeder Im- 
perativ, der eine b eil i mm te Handking wirk- 
lich zu machen befiehlt, ift, fei bli ohne Hin- 
licht auf die dadurch erreichbare Materie, an 
und für fich nur hypothetifch. Denn die be- 
ftimmle Handlung fetzt die Mittel zur Errei- 
chung derfelben voraus , die ihre Bedingung 
fmd. Der Willen mufs fich daher erft zur 
WIrklichwerdung der Mittel beftimmen, da- 
mit die Handlung, als Materie, erreicht werde. 
Folglich hat der Imperativ , in Ib fern er auf 
Mittel und Zweck zugleich gehen mufs , eine 
Materie , und ift daher nur hvpothetifch. (23) 
Wir wollen den Salz: fuche Vollkommenheit 
zum Beyfpiel wählen. Derjenige nun , der 
diefem Princip nachleben , und Vollkommen- 
heit fuchen will, mufs feinen Willen zur Ergrei- 
fung der Mittel beftimmen, welche Vollkom- 
menheit als Zweck bewirken. Folglich heifst 
der Satz: fuche Vollkommenheit fo viel, als: 
fuche deinen Willen zu gewilTen Handlungen 
zu beftimmen , damit Vollkommenheit er- 
reicht werde. Dieis aber ift ja gerade das, 
was man ein materiales Princip nennt, wel- 
ches nie Gefetz werden kann. (3^^) 

42. Von der andern Seite ift der Impera- 
tiv, der etwas wirklich zu machen befiehlt, 
auch nur h/ppthetifch. Dejindas, was wirk- 



S4 

lieh \rerden foll , ^vas es auch hnnier icy ^ 
fetzt Mittel voraus, von denen erß erwiefen 
we-deii mufs , dafs fie in unferer Macht fielien 
zu erreichen, und deren Habwerdung der Im- 
perativ nicht categorii'ch gebieten kann. 

43. Zufammengenommen ! Ein practi- 
fches Gefetz mufs, wenn es eins gibt, blofi 
formal fejn. (40) Ein Princip , das eine be- 
/timmte Handlung wirklich zu machen befiehlt^ 
ilt nicht formal. (41) Folglich mufs in dem 
practifchen Princip nur von einem Gc fetze 
zu Handlungen die Rede fejn, ohne Rück- 
ficht auf eine Handlung felbft. Nun foll es auch 
nicht befehlen einen Gegenftand , fey es auch 
ein Gefetz zu Handlungen, als Gegenftand be- 
trachtet, wirklich zu maclien. (42) Folglich 
kann es nur die Möglichkeit eines Ge- 
f e t z e s befehlen. 

44. Wie lautet demnach das^ was wii' 
fchon gefunden haben , imperativ als Geboth 
der gefetzfuchenden Vernunft ausgedriicket ? 
Mache ein G e f e t z zu Handlungen 
möglich. 

45. Nun ift ganz natürlich, dafs man hier 
das (41) angeführte Argument gegen diefen 
Satz anwenden und fragen wird : mufs ich 
nicht auch hier meinen Willen zuerft zur Er- 
greifung der Mittel bellimmen, wodurch der 
Endzweck , das Gefetz nähmlich möglich zu 
machen, erreichbar wird. Allerdings! Aber 



15 

welches find denn diefe Mittel , wodurch die- 
fer Endzweck erreicht wird? Die Antwort iß: 
wenn alle einzelnen Maximen dem 
Ge fetze geniäfs sind. Denn diefs iß das 
einzige Mittel ein Gefetz , das allgemein feyn 
foll, möglich zu machen, 

46. Drücken wir nun die Mittelaus, wo- 
durch ein Gefetz für Handlungen möglich wird; 
fo lauten fie. mache, dafs alle Maxi- 
men deiner Handlungen, einGefetz 
für Handlungen werden können, 

47. Da nun diefer Imperativ keinen an- 
dern Zweck erreichen will, als den die Mittel 
felbß enthalten ; fo ißerblofs formal, und da- 
her categorifch, 

43. Aber diefe Formel iß nicht aus der 
Erfahrung gefchöpft , fondern gänzlich aus 
Vernunftbegriff'en , d priori gefunden worden. 
Folglich iß fie einpractifches Ge fetz. (13) 



VI. 



49. Soll aber das practifche Gefetz (46) 
das Mittel zur wirklichen Willensbeßimmung 
abgeben ; fo iß es die Urfache , und die Wil- 
lensbefiimmung deffen Wirkung, Nun gehört 
diefe Urfache nicht zu den Erfcheinungen , da 
alles d priori gefundene , nicht zu den Erfchei- 
nungen gezählt werden kann. Daher wird 
dfts practifche Cefetz, wenn es die Urfache 



i6 

zur WiHensbcliimnuiiig abe^ibt , von allen Ur- 
fachen der feiifibilen Welt in fofern verfchie- 
den feyn , als dicfc alle zu den Erfcheinungen 
gehören^ Folglich lernen wir hier eine Cau- 
falität kennen, die kein Glied aus der Reihe 
der Caufalität der feniibilen Natur ausnnachtj 
und deren Wirkungen von diefer unabhängig 
find. 

j5ü. Unabhängigkeit von der Caufalität der 
fenfibilen Natur, lieifst Willk ühr im Itreng- 
fien tranfcendentalen Verliande. Folglich mufs 
das vernünftige Wefen , das feinen Willen 
blofs nach dem practifchen Gefetze beliimmen 
foll, Willkühr befitzen , und fie wird derWil- 
lensbeftimmung nach dem practifchen Gefetze, 
vorausgefetzt. 

51. Aber auch umgekehrt ift der Satz 
wahr. Wenn ein vernünftiges Wefen auf Will- 
kühr Anfpruch macht , fo mufs fein Willen 
nach einem formalen Princip , oder , da es 
kein anders, als das (46) angegebne gibt, nach 
dem practifchen Gefelze beftimmt werden. 
Denn in dem Begriffe der Willkühr liegt Un- 
abhängigkeit von der Caufalität iler feniibilen 
Katur, (50) alfo von allem, was empirifch 
iß. Mufs aber aus einem Beftimmungsgrund 
des Willens alles Empirifche, und daher alle 
Materie (23) ausgcfchloITen werden; fo bleibt 
in ihm nichts als die Form (30) übrig: fie al- 
lein mufs fchon feinen Willen beliimmen kön- 
nen. 



»7 
neu. Mit andern Worten : ein Vernünftiges 
Wefen, das auf .Willkiihr Anfpruch macht, 
mufs feinen Willen, nach dem practifchen Ge- 
fetze allein befiimmen können, 

52. Willkiihr (50) und practifches Gefctz 
(48) hängen daher wechfelfeitig von einander 
ab : der Willkiihr befitzt , mufs , in fo fern die 
Willkiihr enie Willensbeftimmung hervorbrin 
gen foll , feinen Willen nach dem practifchen 
Gefetze beltimmen; und der das letzte kann^ 
mufs Willkühr be fitzen. 

VIL 

(Folgen.) 

53. Das practifche Gefetz, als ein ajör/o/'i 
gefundener Grundfatz , gilt für alle vernünfti- 
ge Wefen. (12) Doch gibt es Inder Art, wie 
das Gefetz den Willen beltimmt , unter deii 
Vernünftigen Wefen einen ünterfchied; 

54. Bey dem Menfchen , und jedem ver- 
nünftigen Wefen 5 das von der Caufalität def 
fenfibilen Natur abhängt , deifen Wille daher 
auch von empirifchen Gründen beftimmt wer- 
den kann , weifet die Willensbefiimmung durch 
das Gefetz auf eine Art Abhängigkeit, 
Wenigßens vom Gefetze, hin: nur weil das 
Gefetz fo befiehlt, mufs ich fo handeln, und 
ich würde nicht fo handeln, wenn es nicht fö 

B 



18 

befähle, Diefe Abhängigkeit vom GefetzÄ 
nennt man eine vernünftige N ö th igu n g, 
da der Zwang uns nur von der Vernunft auf- 
erlegt wird. 

. 55. Die Willensbefiimmung , zu deren 
Wirklichwerdung die Vernunft uns nöthigt (54) 
heifst Pflicht; die Handlung, die dadurch 
wirklich wird, iß eine Handlung aus Pflicht; 
die Handlung aber, die, der Wirkung nach, der 
Handlung; aus Pflicht gleich kommt, der aber 
ein empirifdier Beliimmungsgrund des Willen» 
vorherging , heifst p f 1 i c h t m li f s i g. 

36. Sollte es ein W^efen geben , def- 
fenNatur es fo mit fich brächte, dafs fein Wil- 
le nur durch Vernunft, und gar nicht durch 
empirifche , zur fenfibilen Welt gehörige Cau- 
falität beliimmt werden kann; fo brauchte das 
Gefetz nichts zu befehlen. Diefem Wefen , das 
ohne Zwang feinen Willen nach dem pra^ti- 
fchen Gefetze befiimmte , würde das practifche 
Gefetz keine Willensbeftimmung zur Pflicht 
(53) niachen : es nöthlgte ihm diefe nicht ab , 
da fie, ganz feiner Natur gemäfs, von felbft 
wirklich wird. 

57. Ein folches W^efen hätte einen heili- 
gen Willen; und Heiligkeit des Wil- 
lens, als die völlig zwangslofe Willensbeftim- 
mung nach dem practifchen Gefetze, iß daher 
bey einem endlichen, von empirfchen Grün- 
den beßimmbaren Wefen nicht denkbar, WoW 



aber iß fie eine Idee, die, wie jede Idee, 
(§. 329 Teq*) uns ein Ziel vorfteckt, dem wir 
uns je mehr und mehr nähern follen, ' 

VliL 



58. Unter A V t o n o m i e des W illens ver- 
lieht man delTen Unabhängigkeit von der Caii- 
falität der fenfibÜen Natur, und dc?[en Fähig- 
keit fich , nach einer ihm eignen Caufalität , 
zu Handhuigen zu beftimmen. 

59» Hingegen heifst Heteronomie des 
Willens die Abhängigkeit delTeiben von der 
Caufalität der fenfibilen Natur, und daher def- 
fen Unfähigkeit fich , nach einer ihm eignen 
Caufalität, zu Handlungen zu beftimmen. 

60. Eine Willeiisbeftimmung älfo , die 
blofs durch Neigungen und finnliche Antriebe 
bewirkt würde, hinge völlig, wie die Nei- 
gungen und Leidenfchaften felbft j von der 
Caufalität der fenfibilen Natur ab, wäre voll- 
kommene Heteronomie. (59) 

61. Wenn der Menfch, und jedes vernünf* 
tigeWefen, im Stande ift, feinen Willen durch 
das practifche Gefetz zu befiimmen , ifi Avto* 
nomie des Willens (38} denkbar. Denn in 
diefem Falle befitzt das Wefen Willki^ihr, (50) 
bängtes nicht von der Caufalität der fenfibilen 
Natur ab, und geht nicht aus fich felbit hin* 

B « 



so 

aus, um lieh zu beriimirien: leine Caufalität 

ift eine Vorn un ftcaufali tat. (49) 

6'2. Hingegen würde jedes andere practi- 
fche Princip , zu deffcn Möglichkeit eine Ma- 
terie erfordert wird, eben wegen diefer Ma« 
terie, zu den Erfcheinungen und ihrer Caufali- 
tät feine Zuflucht nehmen miiiren. Denn jeder 
Zweck zielt am Ende auf Beförderung der 
Glückfeligkeit , (3 s) diefe kann aber nur em- 
pirifch gegeben , und mufs daher zu den Er- 
fcheinungen gezählt werden. (34) Folglich 
würde jedes materiale Princip auf Heterono- 
ynie des Willens führen : die Befiimmung zu 
Handlungen gefchähe nach der Csufalität der 
ienfibilcn Natur, der Wille müfste ausfichfelblt 
hinaus gehen , ohne das Vermögen zu befi^ 
tzen, lieh felbft befiimmen zu können^ 

63. Am wenigften könnte in einem prac- 
tifchen Syftem, delTen Princip material ifi, voll 
Pflichten die Rede feyn. Pflichten führenden 
Begriff der Nöthigung mit fich ; (54) aber al- 
les, was unfere Glückfeligkeit befördert, braucht 
uns nicht abgenöthigt zu werden» 

64. Die entgegengefetzte Betrachtung wird 
diefs noch deutlicher ins Licht fetzen. Jede 
pflichlwidrige Handlung ift Rrafwürdig. Die 
Strafe wird daher als Folge betrachtet, die fich 
der Menfch , der die pflichtwidrige Handlung 
begeht, durch diefe zuzieht. Soll nun ein prac- 
liiciies Princip material feyn; fo wird eine Hand- 



21 

iung nicht eher pflichtwidrig feyn können , als 
bis fie die Gliickfeligkeit , die zu befördern 
nach diefem Syfteme Pflicht iß, nicht beför- 
dert. Der gröfste Verbrecher , der Strafe ent- 
lafTen , hat nichts Pflichtwidriges gethan , d* 
nur die Strafe, als Zerftörerin feiner Glück« 
feligkeit, das Pflichtwidrige enthielt. Welches 
leichte Mittel den gröfsten Verbrecher fo zum 
tugendhaften Manne zu unnfchaffeii ! 

DRITTE VORLESUNG, 
I. 

(Von dem Regriffe eines Gegenftandes der rei- 
nen practifchen Vernunft.) 

6fi, Jede Wirkung, zu deren Hervorbrin- 
gung der Wille , unter Vorausfetzung der phj- 
fifchen Mittel (3) die Urfache ili, macht einen 
G e g e n ft a n d , ein O b j e c t der practifchen 
Vernunft aus. Diefs ftimmt genau mit 23 zu- 
fammen. 

66. Uiiterfuchen wir ob es möglich oder 
anmöglich f e j , die Handlung zu wollen, wo- 
durch das practilche Object (63) wirklich wer- 
den foll, fo urtheilen wir practifch. 

67. Eii> Object (65) wird practifch e r- 
kannt, oder wir haben eine practifche 
E r k e n n t n i f s von demfelben , wenn wir 

li 3 



einfeheii , dals die Handlung , wodurch es 
wirklich werden foll , möglich fey. 

ög. Wenn das practifche Object , das 
wirklich werden Ibll , fbwohl Zweck (2) als 
Beftimmunpsgrund des Willens iA; (*'>) fo mufs, 
um über ihn iirtheilen (66) zu können, zuerft 
unfere phjfifche Kraft in Anfchlag gebracht, 
die Frage nähmlich beantwortet werden, ob 
auch diefe auslangt, den Zweck zu erreichen, 
der unfern Willen beftimmen foll, ihn zu wol- 
len : der Zweck muls phyfifch möglich 
fevn. Denn wenn er phjfifch unmöglich ift , 
kann er, als Beftimmurigsgrund des Willens, 
auch keinen möglichen Willen hervorbringen: 
es iß ein flüchtiger W u n fch , kein Willen, 
der ernfte Ergreifung der Mittel fordert. 

69. Ift Gii^ Object (6^) zwar Zweck 
der Willens , aber nicht ßeßimmungsgrund 
defTelben , wird diefcr durch das Gefetz äpriori 
beltimmt; (48) fo kann das practifche Urtheil 
(66) nicht die Ausführbarkeit des Zweckes 
betreffen , da diefe unfere phjfifchen Kräfte 
bey weitem überfteigen (ö) und der Wille doch, 
durch das Gefetz , beftimmt werden kann, 

70. Hier betrifft demnach das practifche 
Ürtheil die Einfichi in die Uebereinfiimmung, 
oder in den Widcrfpruch der Maxime mit deori 
Gefetze. Im erlten Falle ift er möglich, im 
andern unmöglich. 



^3 
^l. Aber die Maxime , die mit dem Ge- 
fetze übereinßimmt, darf man, die demwi- 
derfpricht, darf man nicht: auch beziehen 
fich diefe Ausdrücke auf die M oral i tat der 
Handlung. Folglich betrifft das practifche Ur- 
tlieil über einen , durch das Gcfetz d priori 
beftimmten Willen, delTen moralifche 
Möglichkeit oder Unmöglichkeit, 
(ielTen M o r a 1 i t ä t oder U n m o r a 1 i t ä t« 



II. 



72. Das Urtheil über das Erreichen oder 
Verfehlen des Zweckes, betrifft nur die phjft« 
iche Möglichkeit. (68) Nun ift der Wille, bej 
dem die phjfifche Möglichkeit beurtheilt wer- 
den mufs , ein empirifch beftimmter Wille, in 
i'o fern er von phylifchen Kräften abhängt, 
die nicht nothwendig zu feinem Zwecke Itim- 
men mülTen. Aber das Erreichen und Verfeh- 
len eines Zweckes trägt zu unferm Wohl und 
Weh hey. (31. 32.) Folglich beziehen fich die 
Begriffe Wohl und Weh blofs auf den empi- 
rifch beftimmten , aber nicht auf den nothwen- 
digen Willen. Ein Zweck kann dem einen 
wohl 5 dem andern wehe thun, 

/^<> Jede Handlung, die nadi einer Ma- 
xime wirklich wird , die mit dem practifchen 
Gefetze übereinftimmt , iß , als moralifche 
That, (71} gut; jede Handlung, die nachei- 
B 4 



24 

jicr Maxime wirklich wird, die dem practi- 
fchen Gf fetze widerfpriclit , ift, als eine un- 
moralifche That, (71) eine böfe Thal. Der 
Dieb, der uiigeftört einbricht, begeht eine 
böle Thar; an dem Diebe, der vom Einbre- 
chen abgehalten wird, wird eine gute That 
begangen. 

74, Da nun hierbey gar nicht auf die 
phy filche Moghchkeit (65) der Handlung , fon- 
dern blofs auf deren moralifche Möglichkeit 
('l) Kütkficht genommen wird; (73) fo hat 
die gute That das practifche Gefetz zum Be- 
itimmungsgrunde des Willens gehabt, delTen 
Object fie ift. (6c,) Nun aber ift das Gefetz 
allgemeingültig. (_;g) Folglich beziehen fich 
die Begrilfe gut und böfe auf Handlungen, 
die allgemein gut oder böfe find, unab- 
hängig von der Vefchiedenheil der dadurch 
erreirhten oder verfehlten Zwecke: eine gute 
H?<ndlung iTiufs für jedermann gut fejn, eine 
böle für jedermann böfe. 

73. Da nun die Begriffe gut und böfe all- 
gemein gültig, und daher practifche Begriffe 
d priori leyn muffen ; (74) fo können fie, eben 
fo wenig wie die Verßandesbegriffe d priori 
der reinen theoretifchen Vernunft, in der Er- 
fahrung .ingetroffen werden. Das Gute oder 
Böfe in der Erfahrung ilt Itets nur gut oder 
böfe zu etwas, zur Erreichung eines Zwe- 
ckes: gut heilst in der Erfahrung-, wodurch uhb 



«rohl wird, und böfe, wodurch uns weh wird. 
Diefsißaber nur das bedingt Gute oderBöfc, 
nicht das Gute und Böfe, das, als ein allgemein 
gültiger Begriff a/jr/or/, unbedingt fejnmufs. 

y6. Daher werden die practifchen Begriff 
fe d priori des unbedingt Guten und Böfen , 
nur auf die reine practifche Vernunft Be- 
zug haben, werden mit ihr in Relation 
liehen: was fie befiehlt ift unbedingt gut, 
was ihr widerfpricht , unbedingt b ö f e. 

yy. Die practifchen Begriffe gehören dem- 
nach unter die Categorie der Relation. (76) 
Aber indem wir unfern Willen zum Guten be- 
itimmen , erlangen wir eine Caufalität der Ver- 
nunft. (49) Folglich gehört der Begriff des 
Guten zwar zu der Categorie Caufalität, aber 
einer eigenen Caufalität , deren Urfache Ver> 
nunft iß. (30) 

78. Wenn wir abei unterfuchen, ob eine 
Maxime gut oder böfe fej , fuchen wir ihre 
moralifche Möglichkeit oder Unmöglichkeit zu 
erfahren; (7') und diefes Unterfuchen heifst 
practifch urtheilen. (66) Folglich mufs es auch 
hier eben fo viel Categorien geben, als es For- 
men der Urtheile überhaupt gibt. (§. 88. feq.) 

79 Aber alle diefs Categorien gehören 
dennoch zu der einzigen Categorie Caufalität. 
(7 7) Folglich enthält die -C a u f a 1 i t ä t der 
Vernunft, oder derWillkühr ebenfalls 
zwölf Modificationen unter fich. 

BS 



s6 



m. 

go. Zur bequemem Ueberficht wollen wir 
die Formen der Urtheile, neben die ihnen ent- 
fprechenden practifchen Categorien, ftellen. 

Tafel 

der practifchen Ur- der practifchen Cate- 

theile. gorien. 

I. I. 

Quantität. Quantität. 



Maximen. 

Vorfthrifte«. 

Gefetze. 

2. 

Qualität. 

Kegel zum Thun. 

Regel zum Laflen. 

. Regel zur Ausnahme, 

3- 

Relation. 

Auf die Perfönlich- 

keit. *) 
Auf den ZuRand der 

Perfon. 
Wechfelfeitig einerPer- 
fon auf den Zußand 
der andern. 

♦) Unten %. 177 wird gezeigt , dafs eigentlich nur die 
Kraft des Menfchen , vermöge deren er im Stande ift, 
fleh über die finnlichen Antriebe zu erheben , feine 
Perfönlichkeit jusoiache. 



Einzelne. 
Befondere. 
Allgemeine. 
2. 
Qualität, 
Bejahende. 
Verneinende. 
Limitirende. 

3* 
Relation. 

Categorifche, 

Hjpothetifche. 

Disjunctive, 



4. 

Modalität, 

Probleinatifche. 

Airertorifchc. 

Apodictifche. 



«7 

4. 
Modalität. 
Das Erlaubte und nicht 

Erlaubte, 
Das Pflichtmäfsige und 

Pflichtwidrige. 
Vollkommene und un- 
vollkommene Pflicht, 



gl. Einige Bevfpiele werden die Ueber» 
einßimmung der Categorien mit den Formen 
der Urtheile, hoffentlich hinreichend ins Licht 
feizen. Der Satz: ich will mir täglich Bewe- 
gung machen , als Folge der Willensbeftim- 
mung betrachtet , enthält eine Maxime, die 
eine Regel zum thun, mir, als erlaubt 
in die Hand gibt. Ehe aber diefe Willensbe- 
ftimmung wirklich wird, mufs ihr die Unter- 
fuchung der Möglichkeit, das prartifche Urtheil : 
ich kann mir täglich Bewegung machen, vor- 
an gehen. Diefes Urtheil ifi der Quantität 
nach einzeln, der Qualität nach beja- 
hend. Da ich nun keine Bedingung voraus 
fetze, fondern die Handlung für gewifs mög- 
lich halte ; fo ift fie der Relation nach ca- 
tegorifch. Endlich v/eil in dem Urtheil 
blofs von meinem Kö n ne n , nicht Sollen 
oder Muffen gelprochen wird, iß es der 
Modalität nach p r obl ema tifch. Alfo ift 
das Urtheil ein einzelnes, bejahendes, catc- 



28 

gorifches, problematifches, practifches Urthail. 
Habe ich nun einmahl die Möglichkeit unter- 
fucht, und meinen Willen ihr zu Folge be- 
ftimmt, fo entfteht daraus die für meine Per- 
fon erlaubte Maxime, nach der etr 
was gefchehen wird. 

82. Eben fo liegt dem Satze: wer feine 
Gefundheit erhalten will , mufs nicht den gan- 
zen Tag zu Haufe fitzen , eine Unterfuchung 
iiber die Möglichkeit zur Erhaltung der Cc- 
fundheit zu Grunde. Er ift demnach ein prac- 
tifches Urtheil , (66) das der Quantität nach 
be fonders, der Qualität nach vernei- 
nend ift. Denn es gilt nur für die Anzahl von 
Menfchen, die den Zweck erreichen will , als 
Verneinung. Aber eben weil nur der Zweck 
die Bedingung ift, unter der das Prädicat des 
Satzes wahr wird , iß er der Relation nach 
h y p o t h e t i f c h. Endlich wird die Verbin- 
dung zwifchen dem Subjecte und dem Prädi- 
cate des Satzes, weder als möglich , noch als 
nothwendig , fondern blofs als gewifs ange- 
nommen^ Folglich ift die Modalität des 
Satzes af fe rto ri fch. Beftimme ich nun 
meinen Willen durch den Satz, indem ich fa- 
ge : weil ich meine Gefundheit erhalten will , 
will ich auch nicht den ganzen Tag zu Haufe 
fitzen; fo mufs ihm das gedachte Urtheil als 
Oberfalz voraus gehen , unter den ich meine 
Willensbeftiirmiung als Unterfatz fubfumire. 



i)er Oberfatz iß demnach eine Vorfchrift 
2um Unter 1 äffen, die auf den Zustand, 
die Erhaltung der Gefundheit nähmlich, als 
pflichtm älsige Handlung Eintlufs hat. 

83. Aus diefen Bejfpielen erhellet aber^ 
dafs in der practifchen Vernunft gerade der 
entgegengefetzte Weg eingefchlagen werden 
mufste , als bcy der Critik der fpeculativen. 
Hier fetzten die Urtheile die ihnen entfprecheii- 
den Categorien zu ihrer Möglichkeit, und die- 
fe abermahls die Formen der Sinnlichkeit vor- 
aus. (§. 105. feq ) Daher mufsten auch die 
Categorien vor den Grundfätzen behandelt 
werden. Hingegen in den Unterfuchungen über 
die practifche Vernunft geht jeder Categoric 
ein Urtheil voraus , das die Möglichkeit zur 
Willensbeßimmung enthält. Folglich mufsten 
auch die Urtheile vor den Begriffen behandelt 
werden. 

84- Zx^ejtens ficht man , dafs auch hier 
die dritten Categorien Itets aus der Verbindung 
der beyden erßen entfpringen. Die Vorfchrift 
(ig) die für jeden als Maxime (13) gilt, ift 
ein Gefetz. (13) Die Regel die theils ein 
Thun, theils ein Lalfen enthält, iß eine Re- 
gel zur Ausnahme. Das was meine Perfön- 
lichkeit in des andern Willen abändert , ha; 
sinen Bezug von meiner Perfon auf den Zu- 
ftand des andern. Endlich iß das Pflichtmäfsi- 
g<^ (55) als erlaubt, und daher übereinßim* 



niend mil dem Gefetze betraclitet, eine voll- 
Ivommene Pflicht. (33) 

83. Diefe Categorien beziehen fich zwar* 
alle nur auf ein Urtheil über das bedinot Gute 

o 

oder das bedingt Böfe, alfo nur auf die Mög- 
lichkeit einer Handlung in der Sinnenwelt: 
das Gute oder Böfe, delTen Categorien obige 
Tafel enthält, iltHetszu etwas gut, oder zu 
etwas böfe , und mufs es feyn , weil fonß die 
Categorien blofse Begriffe , ohne ihnen zu 
Grunde lieo-ende Handlnno-en wären. Allein 
da fie fo allgemein genommen worden , dafs 
gar kein empirifcher Beltimmungsgrund des 
Willens, der fie veranlagen folite , eingemifcht 
ward; fo können fie auch ihr Gebieth in die 
intelligibile Welt, über das unbedingt Gu- 
te ausdehnen. Denn das Pflichtmäfsige (53) 
kommt , der Wirkung nach , mit der Hand- 
lung aus Pflicht (ibi.) überein; nur dafs diefe 
einen aus reiner Vernunft, jene einen empi- 
rifch gegebnen Beltimmungsgrund vorausfetzt. 
Wenn alfo hier ^ in der Sinnenwelt , etwas 
pflichtmäfsig gethan wird, fo ill die Wirkung 
fchon Beweis , dafs eine unbedingt gute Hand- 
lung keinen Widerfpruch enthält, dafs fie 
logifch möglich ift; und die Categorien, die auf 
das Pflichtmäfsige, als bedingt gute Handlun- 
gen paffen, können auch auf Handlungen aus 
Pflicht, als unbedingt gute Handlungen ange- 
wandt werden. Die einxige Frage bliebe nun 



31 
noch zurück, wie lind folche unbedingt gute 
Handlungen wirklich zu machen ? Darauf aber 
ift das practifche Gefetz die Antwort : handele 
fo, dafs deine Maxime ein allgemeines Gefetz 
werden könne. 

VIERTE VORLESUNG. 

I. 

(Von der Deductioa des practifchen Gefetzes.), 

86» Wir haben fchon in der Critik der 
jreinen Vernunft (§. 109« feq.) gezeigt, dafs je- 
der Begriff und jeder Grundfatz ä priori , ei- 
ner Deduction bedärfe, weil er fonft blofs et- 
was Gedachtes ohne Anfchauung wäre , alfo 
keine Erkenntnifs (§. 71.) gewähren könnte^, 
Man hat daher auch ürfache nach einer De- 
duction unferes practifchen Grundfatzes (40} 
zu fragen. 

87. Allein, dafs eine wirkliche Deduction 
von diefem Grundfaize zu geben, unmöglich 
fey , er aber demunerachtet fe/t Rehe, wird 
aus folgenden Betrachtungen erhellen. 

88- Dafs eine Handlung des Menfchen^ 
die zum Theil durch die Caufalverbindung in 
der Welt , zum Theil aber durch die Vernunft 
beftimmt wird , einen doppelten Character, 
eineti empirifcken und einen intelligibilen habe^ 



j(t iii der CriLik dei reinen Vernunft (§. 489J 
gezeigt worden. 

89. Auch haben wir dort (§. 216) das 
Wort Natur durch den regehDaCsigen, noth- 
wendigen Zufanimenhang der Erfcheinungen,, 
ihrem Dafeyn nach , erklärt. Bejdes inufs 
hier genauer erwogen werden. 

90. Eine von den Regeln , nach denen, 
wir diefe Natur erkennen , ilt das Gefetz der 
Caufalität, vermöge (ieJOfen jede Erfcheinung 
ihre Urfache haben miifs. Soll daher mein 
Willen Gegenitand möglicher Erfahrung wer- 
den, und alfo zur Natur der Erfcheinungen 
gehören; fo mufs er, wie jede Erfcheinung, 
durch etwas von ihzn verfchiedenes , von einer 
Urfache beßimmt werden. Der Wille ift dem- 
nach, fo weit er cmpirifch gegeben wird, dem 
Gefetzc der Natur, der Natur felbft unterwor- 
fen. 

91. DIefes würde aber Heteronomio des 
Willens (39) geben: der Wille würde nichts 
durchfiel! felbft, nach einer ihm eigenthümli- 
chen Caufalität ^ fondern alles, vermittelft der 
ihn bcftimmenden cmpinfchen Urfache, beftim- 
men. 

92. Von der andern Seite aber mufs der 
Menfch , bey jeder Handlung , der er morali- 
fchen Werth (j \) beylegt, das practifche Ge- 
fetz vor Augen haben. Da aber dlefs keine 
jMaterie (23) enthalten, (24) der Beweggrund 

zur 



.33 
EurBeftimmung des Wiiiens (4) nicht als irieb- 

feder (ibi.) empirilch gegeben fevn kann; fo 
mufs, in diefem Falle, die ürfaclie der Willens- 
beftimmung nicht in der (89) erklärten Natur 
derErfcheinungen enthalten fej^n. Diefes wür- 
de, wenigftens von negativen Seite, Avtono- 
mie des Willens (58) geben: die Urfache zur 
Willensbeltiinmung wäre nicht empirifch. 

93. Aber diefe hier gezeigte Avtonomie 
(';2) und die vorhin (91) erwiefeneHeterono- 
mie ßeheri in offenbarem Widerfpruche: nacli 
der erften kann der Wille nicht empiriich 
beftimmt werden, fondern ifl er vielmehr die 
Urfache zu nttlichen Handlungen ; nach der 
zwejten mufs er empirifch beftimmt werden y 
und ill nur Folge von äulTern auf ihn wirken- 
den Urfachen« 

. 94. Um uns nun aus diefem Widerfpru- 
che heraus zu winden, mufs man einen Mittel- 
fall annehmen , wodurch die Oppofition nur 
dialeetifch (§ 45 •) ausfällt. Gibt es nähmlich 
zwej Naturen, eine fenlibile, (3<^) und eine in- 
telligibile, worin die Vernunft einzige Ui fa- 
che zu den in ihr hervorgebrachten Handlun- 
gen iß; fo wird in der erften alles empirifchj 
in der andern alles nicht empirifch beftimmt. 
In der erften mufs Heteronomie des Willens 
herrfchen , in der andern Avtonomie von der 
negativen Seite. (92) 

C 



34 

95« Steht uun der JVlenfch, gleichfam als 
Grenzftein , zwifchen diefen beydcn Naluren, 
(94) kann fein Willen fowohl durch empiri- 
1'che Gründe , als durch Vernunft beltimrnt 
■werden; fo ilt gar kein Widerfpi'iich vorhan- 
den. In fo fern fein Willen durch empirifche 
Antriebe beiiinimt wird, in fo fern die Hand- 
lung einen empirifchen Character (§. 489) hat; 
.•gehört die Willensbefiimmung: zur fenfibilen 
N'atur, (89) wird der Wille durch die Natur 
befiimmt , findet Heteronomie des Willens 
ftatt. In fo fern aber fein Willen von der rei- 
nen Vernunft beliin>mt wird — wie er dann das 
werden mufs , wenn die Handlung Httlichen 
Werth haben foll — in fo fern alfo die Hand- 
lung einen intelligibilen Character hat ; gehört 
auch die Willensbeßimmung zur intelligibilen 
Natur (93) , wird die Natur durch den Willen 
beftimmt, herrfcht Avtonomie des W^illens 
fogar von der pofitiven Seite. Denn der Wil- 
len bringt , durch eine ihm eigenthümlichc 
Caufalität, (49) fittliche Handlungen hervor. 
g6. Alfo nochmahls ! In der empirifchen 
Natur, in der Sinnenwelt, mufs der Willen 
ftets durch empirifche Gründe beltimrnt wer- 
den ; und, wenn er ja durch fich fclbft beftimmt 
werden , und fittliche Handlung blofs nach 
dem Befelil der reinen Vernunft hervorbringen 
kann, gehört er alsdann fchon , iudiefem Be- 
tracht, zur intelhgibilen Natur. 



3.5 
97* Daraus ergibt fich aber, dafs von dem 
Jjractifchen Griindfatze (46) keine Deduction , 
wenigftens keine foiche möglich fev , als wir 
von den Grundfatzen der theoretifchen Ver- 
nunft ($. 140 feq.) gegeben. Dortbefiand die 
Deduction darin , dafs man zeigte, fie wären 
zur Erkenntnifs der Erfahruno^sfatze nothwen- 
dig, fie machten die Erfahrung möglich. Sic 
waren demnach gleichfam die Urfache zu der 
Erkenntnifs der Erfcheinungen in der empiri- 
fchen Natur. Diefs zu zeigen, fällt aber hier 
ganz unmöglich aus. Denn ein ähnliches Ver- 
fahren mit dem practifchen Grundfalze vorzu- 
tiehmen, würde erfordern, dafs man zeige, 
wie unmöglich es in der empirlfclien Na- 
tur fev Handlangen zu Stande ?,!i bringen, 
wofern nicht der Wille durch ihn beüimmt 
wird. Aber das ilt nicht wahr: in der cm- 
pirifchen Natur ilt der Wille nicht die Urfache 
der Handlungen , wird er felbft nicht durch 
das practifche Gefetz , ibndern von empiri- 
fchen Gründen beftimmt , ((>6) und keine 
Handlung wird durch ihn mögiich, zu keiner 
ift er fo nothwendig , um ihn aus derfelben dc- 
duciren zu können. 

98. Nun könnte man vielleicht verfuchen, 
ihn aus blofs litilichen Handlungen deduciren 
zu wollen. Denn zu diefen ift er eben fo noth- 
wendig, als die Grundfätze der theoretifchen 
Vernunft zu den empirifchen Handlungen. Al- 
C :j 



.3^> 

lein das geht auch nicht wohl an. Sittlicher 

Handlungen, gehören, als folche, ziirintelli- 
gibilen Natur, (96) und blofs littliche Handlun- 
gen fnid daher nur in ihr, aufserhalb der Grenze 
möglicher Erfahrung , des Gebiethes unferer 
Erkenntnifs anzutreffen ; und daher können wir 
uns auch nicht auf lie berufen , um die Recht- 
mälTigkeit eines Grundfatzes zu belegen, der 
lie möglich machen foll. Bevor uns nicht die 
littliche Handlung als wirklich gegeben ili* 
bedarf es auch keines Grundfatzes , der ihre 
Möglichkeit enthält. 



IL 



p9. Allein man fordert mehr als zurDe- 
ducliorl eines practifchen Grundfatzes geleiftet 
zu werden braucht; und daher wird es fich 
aus folgenden Betrachtungen ergeben , dafs 
der practifche Grundfatz , auch ohne geführte 
Deduction fefi liehe. 

100. In der Critikder reinen theoretifchen 
Vernunft (§. 58Ö) haben wir die theoretifche 
Erkenntnifs von der praetifclien dadurch un- 
terfchiedcn, dafs dieerfte lieh auf das beziehe, 
was da ist, die andern auf das, was da 
fejn foll. 

10). Daraus folgt nun, dafs man zur 
theoretifchen Erkenntnifs nothwend-g Begriff 
und Anfchauung brauche; und zwar die An«. 



.37 
fcliauung- deGjhalb , um die nietaphyfiiche Mög- 
lichkeit der gedachten Erfcheinung zu be- 
legen. Ohne diefe metaphj'^firche Möglichkeit, 
könnte der Begriff noch fo logifch möglich, 
noch fo frey vom Widerfpruche fejn ; von dem 
^-as da ist, gäbe er uns keine Erkenntnifs. 

102. Ganz anders verhält es lieh mit der 
practifchen Erkenntnifs. Hier kann man nicht 
verlangen, dafs man uns die Anfchauung des 
Gegenßandes in der Erfahrung geben foll , 
auf die der Begriff fich bezieht : denn diefs 
hiefse einen Widerfpruch verlangen. Die An- 
fchauung foll doch erlt durch die practifche 
Erkenntnifs gefchehen , und ist daher noch 
nicht vorhanden. 

103. Daher ei klärten wir (67) practifche 
Erkenntnifs durch die Einficht in die Möglich- 
keit einer Handlung , wodurch ein Object 
wirklich werden foll. So hat jemand eine prac- 
tifche Erkenntnifs vom Glasfchleifen , wenn 
er einfieht, dafs die Handlung, wodurch ein 
ebenes Glas in ein erhabenes oder holes ver- 
wandelt wird, möglich fey , Ibllte er auch 
jiicht die kleinfte Linfe felbii verfertigen kön- 
nen. Das Glasfchleifen ift das Object, und 
die Einficht in die Möglichkeit der Handlung, 
um diefes Object wirklich zu machen, ift der 
Begriff diefer practifchen Erkenntnifs. 

104. Der Begriff in der practifchen Er- 
kenntnifs mufs feine logifche Möglichkeit er- 



3^ 

härten , muis zeigen . ilals er trey vom Wi- 

derrpiuclic i'cy. Seine Objectivitat aber braucht 
er nicht dmch W irkhchmachiing des Ob- 
jects , durch Beziehung auf eine wirkliche An- 
fchauung zu beweifen. Denn alsdann wäre e&. 
theoretifche Erkenntnifs : das Object wäre 
da. Er hat nur nöthig zu zeigen, dafs das 
Object durch die Handlung, und Mir durch lie 
wirklich werde, um pr^ctifche Objecti- 
vitat zu erlangen. 

105. Daraus fehen wir nun ferner, dafs 
Grundfätze , die zur practifchen ^Lrkenntnifs 
führen, gerade das Widerfpiel derer der theo- 
retifchen Erkenntnifs find. Hier ift das Object 
fchon da, und der Begriff wird objectiv gül- 
tig, wenn er auf das Object zurückgeführt, 
wenn gezeiQ:t wird , wie diefs fchon vorhan- 
dene Object zu denken möglich fey. Hier, 
in der practifchen Erkenntnifs, ift der Begriff 
fchon da , und das Object kann werden, 
wenn man zeigt , wie es aus dem Begriffe 
möglich zu niachen, zu deduciren fcye^ 
Der Unterichied iß einleuchtend. 



HL 



106. Gehen wir nun zu unferm practifchen 
Grundfätze (| ) zurück, fo, finden wir, dafs 
alles fich mit ihn» eben fo, Avie mit jedem prac- 
tifchen Grundfätze, verhalte. 



39 
\o7' Ei'ie intelligibile , oder moralifche 
Welt, ilt, wie wir fchoii aus der Critik der 
reinen Vernunft wifTen (§. 694) eine folclie, 
worin alles dem Gefetze der Vernunft gemäfs 
gefchieht. 

108. Vorausgefetzt, dafs diefe intelligi- 
bile Welt wirklich werden foll ; fo ift fie ein 
practifches Object, {6^) von dem wir eine 
practifche Erkenntnifs bekommen, wenn wir 
die Handlungen kennen, wodurch es möglich 
wird. (66) 

109. Verhilft uns nun ein Gvundfatz zu 
der practifclien Erkenntnifs diefes Objects ; 
(108) fo mufs man 5 ehe man ihm practifche 
Objectivität einräumen kann, drej Fragen be- 
antworten. Erlilich ; enthält das Object kei- 
nen Widerfpruch ? Zweytens: warum foll t? 
werden ? Denn wenn es nicht zu werden 
braucht, ift auch der Grundfatz felblt nur hj- 
pothetifch , nicht nothwendig objectiv. Drit- 
tens: wie wird durch den Grundfatz das Ob- 
jj^ct möglich, wie wird diefes von ihm deda- 
cirt? 

110. Dafs der Begriff einer intelligibilen 
Welt keinen Widerfpruch enthalte, alfo das 
Object logifch möglich fej , ift in der Critik 
der reinen Vernunft (§. 489 u. 694 feq.) gezeigt 
worden. 

111. Eben fo wurde dort(ibi,) die zweyte 
Frage {109) beantwvortet. Da> Objea mufs 

C 4 



4<» 

n^irklich weiden, um die Uebereintiimmung 

zwifchcii Moralität und Glückfeligkeit möglich 
zu machen. 

ii'2. Es bliebe all'o noch die dritte Frage 
(lop) übrig: wie ift nähmlich diefes Object 
möglich zu machen , oder welches find die 
Mittel um eine intelligibilc Welt zur Realltap 
zubringen? Dazu dient uns unfer practifcher 
Grundfatz. Denn wenn jeder fo handelt, dafs 
die Maxime feines Willens zur allgemeinen 
Gefetzgebung tauglich wird, ßehen in einer 
folchen Welt alle Handlung blofs unter dem 
Gefetze der Vernunft , herrfcht in ihr voll- 
kommene Avtonomie des Willens, ift fie ei- 
ne intelligibile Welt. 

113. Das Object alfo , die intelligibile 
Welt , bedarf unferes Grundfatzes zu ihrer 
Wirklichwerdung , und wird daher practifch 
von ihm dediicirt. Folglich haben wir eine 
practifche objective Erkcnntnifs von diefem 
Grundfatze. (6") 

114. Alfo nochmahls ! Die theoretifche 
Deduction (§. 108) unferes Grundfatzes zu fu- 
chen , ift unmöglich. Denn in der fcnfibilen 
Welt kann ihm keint; Handlung als Anfchau- 
ung enlfprechen , da in ihr Neigungen und Lei- 
denfchaflcn Beltimmungsgriinde des Willens 
find, und fülgüch Heteronomie herifcht. Auch 
ift diefe Deduction nicht in der intclligibilen 
Welt theoreiifch möglidi zu finden , da es 



41 

dem Menfchen unmöglich fällt, Anl'chauun- 
gcn aus ihr zu erhalten. 

115. Practifch kann der Grundfatz nicht 
von der intelligibilen Welt deducirt werden , 
da fie. vielmehr von ihm ihre Deduction er- 
hält. (11^) Was aUo noch übrig bleibt, ift , 
dafs man ihn practifch aus der fenfibilen Welt 
deducire , d. h dafs man zeige: wenn eine 
Handlung fittlichen Werth haben foll, fie ihn 
durch die üebereinftimmung mit dem practi- 
fchen Gefetze bekommen könne. Nun, dag 
iß fcjion in der Daritellung des practifchen 
Grundfatzes (1—46) geichehen. 

FÜ]^FTE VORLESUNG. 

IV. 

(Wie ifi es möglich den Begriff der Caufalitäl 
auf die inteUigibile Welt anzuwenden ?) 

116. Wir können die Betrachtung über 
das praetifche Gefetz nicht verlalTen , ohne ei- 
ne Frage zu beantworten , die jedem gewifs 
yon felbß einfällt, und die darin befteht: wie 
kommen wir zu der Befugnifs die Categori^ 
Caufalität, auf die inteUigibile Welt anzuwen<» 
den ? 

117. Sobald wir nähmlich fagen : die 
Handlungen in der intelligibilen Weit werden 

C3 



4-2 

von dem practiichen Griindfatze deducirt; (i 13) 
lo heiüt das, als fagten wir^ nur mit andern 
Worten: das practifche Getletz fej die Urfache, 
und die Handlungen in der moralifchen Wel^ 
deffen Wirkungen. Wir fcheinen demnach 
fiillfchweigend anzunehmen , dafs auch in ihr, 
von der wir keine theoretifche Erkenntnifs 
(5- J)SQ haben, noch haben können, (§. 71) 
das Gefetz der Caufalität ftatt finde. Nun aber 
haben wir in der Critik der reinen Vernunft 
(S- l3^0 gezeigt, dafs diefe Categorie , fo wie 
alle anderen , nur zum ßehufe möglicher Er- 
fahnnig gültig (ind, und daher ihr Gebieth 
nicht üUer diefe Grenze ausdehnen dürfen. 
Diefe Behauptung aber fcheint mit der Gegen- 
wärtigen gar nicht zufammen ftimmen zu wol- 
len : dort wird gelehrt, dafs der Begriff Cau- 
falität nur auf die Sinnenwelt paffe; hier, 
dafs er auch über diefer hinaus , lelblt für die 
moralifche Welt gültig fey. 

iig. Ehe wir zur Beantwortung diefer 
Frage fchreiten , muffen wir auf noch eine an- 
dere aufmerkfam machen. In der Sinnenwelt 
ift der Rückgang von Wirkung zu Urfache in 
unbeltimmte Weite: (§.439) wir können kei^ 
re Erfcheinung als die letzte, unbedingte Ur- 
fache annehmen. Hier hingegen, in iinferer 
Behauptung von der Caufalität der morali* 
fchen Welt, ift das practifche Gefetz gleichlam 
<iif; letzte , unbedingte Urfache alles dcHen , 



43 
was in ihr gefchielit; alle Handlungen in der- 
i'elben fangen von ihm an. Zugegeben alfo, 
dafs in der intelligibilen Welt auch Caufalver- 
bindnng ftatt finde ; fo bleibt doch noch im- 
mer die Fra^e: woher find wir berechtigt , fie 
anders als hienieden in der Sinnenwelt an- 
zunehmen? woher berechtigt , fie hier irgend- 
wo authören zu lalTen, da wir fie in der Sin- 
nenwelt nie aufhören lafTen können? 

119. Eine Frage (217) möchte aber die 
Antwort der andern (118) feyn. In der Cri- 
tik der reinen Vernunft (§. 419 feq.) haben 
wir nähmlich gezeigt, dafs der Menfch fich für 
die Behauptungen des Dogmatismus, (§. 421) 
und vorzüglich für den Satz einer unbeding- 
ten Urfacbe interelTire. Der Grund zu diefem 
InterelFe liegt in dem Wunfche des Menfchen, 
gern etwas vom Ueberfinnlichen zu erfahren, 
jVlüfste man nähmlich immer von Urfache zu 
Urf.iche zurückgehen, fliefse man nie auf eine 
unbedingte Urfache; fo wäre auch alles, was 
wir erkennen , nur bedingt, nur Erfcheinung, 
fo wäre der Uebergang zum Ueberfinnlichen 
völlig unmöglich. 

120. Könnte aber eine, wenn auch nur 
Eine unbedingte Urfache, Gegenfiand iinfe- 
rer Erkenntnifs werden; fo würde fie, als et^ 
was Unbedingtes, wenigßcns von der nega- 
tiven Seite, zu dem Ueberfinnlichen gezählt 
Verden können: als unbedingt, gehörte fie 



44 

wenigftcns nicht zu den Erfclieinnngen. Die 
Brücke wäre gleiclifam gefchlagen , auf der 
wir den Uebergang in das Reich der InteUi- 
genzen hoffen könnten. 

121. Aber wie weiter? Nach welchem 
Gefetze wollen wir iinfere Reife in diefem 
Reiche fortfetzen ? Die Cauiklverbindnng, die 
uns hier als Wegweiler diente, uns ftets von 
Urfache zu Wirkung führte, ift dort vielleicht 
ein widerfprechender Begriff, kann uns dort 
vielleicht gar nicht leiten ? 

122. Thun wir aber Verzicht auf theore- 
tifche Erkenntnils (§. 58Ö) des fntelligibilen , 
und begnügen uns blofs mit der practifchen ; 
(67) fo wird diefe unfere Bedenklichkeit von 
felblt gehoben , und alle unfere Fragen wer- 
den von fclbft beantwortet. 

123. Wir haben nähmiich , auch in der 
Sinnenwelt, einen Willen , durch v/elchen et- 
was w i rkl ich werden f o 1 1 , der alfo Itets 
die practifche Urfache zu einer Wirkung ilt. 
Wird der Wille blofs vofi der Vernunft be- 
nimmt, ifi er re'n von allen empirifchen An- 
trieben ; fo ift er auch lieber die unbeding- 
te practifche Urfache der Handlungen, denen 
wir moralifchen Werth bey legen : (7 1) er macht 
die moralii'che Handlung möglich, wenn er fie 
gleich nicht wirklich zu machen im Stande ift, (6) 

124. Daraus nun, dafs de»- reine Wille 
(123) die zwar nicht thcoietifche ; aber doch 



43 
l^ractlfche , unbedingte Urfache der moralifchen 
Handlungen ift , daraus nähmlich, dafs mora- 
lifche Handlungen durch ihn allein wirklich 
werden können, wenn auch nicht wirk- 
lich werden; erhalten wir einen dreyfachen 
Vortheil , der hier angezeigt , und fogleich 
erklärt werden foll. Erftens lalTcn wir , beym 
theoretifchen Gebrauche der Vernunft, den Na- 
turmechanismus, die Caufalverbindung nähm- 
lich , von Wirkung zu Urfachen ungeßört in 
unbeltimmte Weite fortgehen; zwejtens er- 
halten wir, durch den reinen Willen, die ge- 
wünfchte unbedingte Urfache, um von der 
fenfibilen Welt in die intelligibile übergehen 
zu können ; (117) und drit*^ens fehen wir, dafs 
auch in diefer intelligibilen Welt das Gcfetz 
der Caufalität Itatt finde. (118} Ich fchreite 
zur Erklärung. 

125. Die Antinomie der Vernunft in Be- 
tracht der unbedingten Urläche, (§ 407 feq.) 
wurde in der Critik der reinen Vernunft (j. 478) 
dahin entfchieden , dafs es , in Bezug auf Er- 
fcheinungen, keine unbedingte Urfache gäbe, 
fondern alles dem Gefetze der Caufalität urw 
terworfen wäre. In Bezug aber auf Dinge, 
die nicht zu den Erfcheinungen gehören, wur- 
de gezeigt, dafs eine unbedingte Urfache kei- 
nen Widerfpruch enthalte, und daher logifch 
möglich fej. 



46 

120. Aber diele logifche Möglichkeit hilft 
iiDS zu nichts: ehe wir nicht ein Object haben, 
das durch diefe Urfache bewirkt wird , haben 
wir gar keine Erkenntnif« von ihr. Wir müf- 
i'eu daher das Object auffiichen. Um es aber 
zu finden , dürfen wir gewifs keinen Weg ein- 
fchlagen , der zu einer theoretifchen Erkennt- 
jiifs delTelben führt; denn alsdann müfste diefs 
Object, als i^nfchauung, als Erfclieinimg gege- 
ben werden , und die Urfache zu den Erfchei- 
luuigen kann nicht unbedingt feyn. 

127. Es bleibt alfo nur der Seitenweg 
offen , der zu einer practifchen Erkenntnifs 
führt. Das Object derfelbon foll erft wer- 
den, und kann daher nicht als Erfcheinung 
fchon gegeben fejn. Wenn wir daher ein Ob- 
ject vorfinden , das eine unbedingte Urfache 
vorausfetzt; fo haben wir der Annahme einer 
unbedingten Urfache mehr als logifche Mög- 
lichkfeit, wir haben ihr practifche Wirklichkeit 
verfchafft. 

isg. Nun kann die Handlung aus Pflicht 
(^5) "ur durch den reinen , von Vernunft be- 
iümmteli Willen wirklich wfrden* Empiri- 
fche, zu den Erfchcinungen gehörige Urfachen 
dürfen auf fie keinen Einflufs haben, und die 
-Vernunft mufs die unbedingte Urfache dcrfel- 
ben feyn. Folglich haben wir von Einer un- 
bedingten Urfache , von der Willensbefiim- 
mung durch Vernunft nähmlich , eine practi- 



47 
fche Krkenntnifs : fie iPt logifcli möglich, (§. 478) 
und ihr practifches Object ift die Handking aus 
Pflicht. 

i'^p. Alfo! Weil die Willensbeftimmung 
Äu Handlungen aus Pflicht nicht von empi- 
rifchen Ur fachen abgeleitet werden 
kann , (53) fo gehört die Handlung felbli nicht 
zur fenfibilen Well , londern zur intelligibilen; 
weil das practifche Geletz die unbedingte 
Urfache z i rolclien Handlungen ift , fonr.acht 
es den Anfang der intelligibilen Welt aus; 
und weil diefe Urfache ihre Wirkung , wenn 
auch nicht theoretifch , doch p ra c t i f c h her- 
vorbringt , und eine fittliche Handlung als 
Wirkung nicht entßehen könnte , die nicht in 
dem practifchen Gefetze ihre Urfache fände , 
zeigt es uns , dafs auch in der intelligibilen 
Welt das Gefetz der Caufalität flatt finde. 

130. Nun find unfere obigen (iiz) F'ra- 
gen mit eins beantwortet. Die unbedingte Ur- 
fache mufs , wenn es eine gibt, flets die Mög- 
lichkeit alles delTen enthalten , das aus ihr als 
Wirkung entfpringt, weil fie bedingt wäre, 
wenn lie einer höhern Urfache unlergeordnet 
wäre, Sie mufs alfo als der Anfan? der gan- 
zen nachfolgenden Reihe der bedingten Urfa- 
chen betrachtet werden. Ift daher das prac- 
tifche Gefetz. die unbedingte Urfache zu fittli- 
chen Handlungen; fo ift es auch der Anfang 
ein«r intelligibilen Welt. 



o 

131. Aber das Sitlengefetz ifl wirklich 
die practifche Urfaclie zu den fittlichen Hand- 
lungen. Folglich gilt das Gefetz der Caufaii- 
tat auch in der inlelliglbilen Welt; und die 
Critik der practifchen Vernunft hat uns hier 
einen Weg geöffnet , der uns von der theore- 
tifchen Seite verfchloITen blieb, um in die in- 
telligibile Welt übergehen zu können. 

132. Nur glaube man nicht , dafs man 
nun ]c im Stande feyn werde, etwas aus die- 
fer intelligibllen Welt theoretifch zu er- 
kennen. Dazu würde das Object in der 
Anfchauung gegeben, fchon da feyn muf- 
fen, oder wenigftens wirklich gemacht zu 
werden , in unferm phyfifchen Vermögen fte- 
hen. Diefs ilt aber hier nicht der Fall. Die 
Handlungen der intelligibllen Welt, feilen 
erß werden, find alfo noch nicht als An- 
fchauungen da ; und können auch nicht als 
Anfchauungen je exiftiren , da ihre Urfache 
unbedingt fejn muls. 

133. Die Erkenntnifs betrifft blofs das 
Practifche: eine unbedingte Urfache iß ein lo- 
gifch möglicher Begriff; eine intelligibile 
Welt ift das practifche Object einer unbeding- 
ten Urfache. Folglich wird die unbedingte 
Urfache practifch erkannt, da fie an derintel- 
Jigil^ilen Welt ein Object findet. 



SKCHSTE 



49 
SECHSTE VORLESUNG. 

(Von der Typik.) 

134. In die Critik der reinen Vernunft 
haben wir ( §. 251) die Frage autVeworfen : 
wie iß es möglich empirifche Anfchauung-en 
unter transcendentale Begriffe , wie die Cate- 
gorien find , zu fnbfumiren ? Die Antwort 
(§. 233 feq.) war, dafs die Einbildungskraft 
an der Zeit ein transcendentales Schema ent- 
vverfe, mit dem die Categorie fowohl, als 
die Anfchauung etwas gemein fchaftlich habe, 
inid das ihnen bejden zum Vermittlei dient. 

i<:55. Hier fcheint die nähmliche Frage 
noch mit gröfserm Rechte eine Antwort zu 
bedürfen. Denn wie wir wiffen gehören Hand- 
lungen , die dem practifchcn Gefetze gemäfs 
lind, als folche, zur intelligibilen Welt, (96) 
und Handlungen der Sinnenwelt werden alle 
durch empirifche Beßimmungsgründe des Wil- 
lens wirklich. Folglich iß auch die Subfum- 
tion einer empirifchen Handlung unter den Be- 
griff des practi Gehen Gefetzes, felbß vermittelft 
eines Schemas, nicht möglich, hat es fowohl, 
als die Categorien (so) keine Handlung als 
Object , und die Frage iß: was fangen wir mit 
einem practifchen Cefetze an , durch das keine 
einzige fittliche Handlung hienieden wirklich 
werden kann? 

D 



-50 

i^O. Man bedenke aber, dals das prac- 
lifclie Gefetz uns zu gar keiner theoretil'chen 
Erkenntnifs , fondern blofs zur prartifchen (6y) 
verhelfen, dafs es daher keine Handhing \v i r k- 
iich, fondern die Willensbeftimmung mög- 
lich machen foll; und dann wird fich leicht 
zeigen laflen, dafs man hierzu kein Schema 
brauche. 

137. Zur theoretifclien Erkenntnifs ge- 
lan£i;en wirnähmlich nicht eher, als bis einem 
Begriffe eine Anfchauung zu Grunde liegt. Ift 
daher der Begriff d priori gegeben ; fo mufs , 
um die Subfumtion der Anfchauung unter den 
Begriff möglich zu machen , die Einbildungs- 
kraft ein transcendentales Schema entwerfen, 
das zum Theil mit dem Bee,riffe, zum Theil 
mit der Anfchauung gleichartig ift, um fol- 
chor Geltalt als Vermittler zwilchen beyden zu 
dienen. 

138. Müfste durch das practifche Gefetz 
eine Handlung wirklich werden , könnten wir 
alfo von der durch das practifche Gefetz wirk- 
lich gewordenen Handlung, eine theoretifche 
Erkenntnifs erlangen ; fo wäre, da das Gefetz 
ein Begriff d priori, die Handlung eine Er- 
Icheinung ift, auch die Subfumtion der Hand- 
lung unter den Begriff d priori , nur vermtt- 
telft eines Schemas denkbar und möglich. 
Diefs wäre dann ein Werk der Einbildungs- 
kraft. 



5i 
139. Jetzt aber ibll das praetifche Geletz 

nur die Möglichkeit einer fittlichen Willensbe- 
iÜmmiing darthun ; und diefe ift nur der Be- 
griff einer concreten Handlung?-. Da braucht 
es zwifchen dem Begriff einer concreten fittli- 
chen Handhnig, und dem practifclien Gefetze, 
als dem allgemeinen Begriffe einer 
fittlichen Handlung, keines Schemas der Einbil- 
dungskraft ; fondern der Verftand allein ift 
fchon hinreichend, das Concrete unter das All- 
gemeine zu fubfumiren. 



IL 



140. Wir müITen diefs noch näher be- 
trachten. Eingelianden, dafs hier kein Sehe« 
ma, fondern nur Verltand nöthig fey, um 
das Befondere unter das Allgemeine zu fub- 
fumiren; (13C/} fo bleibt doch die Frage: wie 
verfährt der Verftand bey diefer Subfumtion? 
Ueberall , wo ein befonderer Bcgritf unter dtii 
allgemeinen fubfumirt wird , enthalten bejdc 
Begriffe etwas Gemeinfchaftliches : der alige- 
meine Begriff Menfch enthält , io gut wie der 
befondere Cajus , die Beftimmung eines organi- 
firten Körpers und vernünftigen Verltandes ; 
nur dafs dem Begriffe Cajus noch befon- 
dere Beftimmungen zukommen. Hier aber 
fcheint der Begriff der concreten Handlung, 
mit dem allgemeinen nichts Gemeinfchaftli- 
D 2 



3*^ 

ches zu haben. Der allgemeine Begriff littli- 
cher Handlungen verlangt eine Willensbeßim- 
iniuig nach Vernunft ; der concrete EeerifF ei- 
ner fittlichen Handlung, kann eine folcheWil- 
lensbeftimmung nicht aufweifen, da hienieden 
aller Willen empirifch beftimmt wird , alfo 
Handlungen nur pflichtrnäfsig, nicht aus Pflicht 
(33) gefchehen. 

141 . Man bedarf alfo hier ebenfalls eines 
IVIittelbegriffes,um vom allgemeinen practifchen 
Gefctze , zu dem Begriffe einer concreten fitt- 
liclien Handlung übergehen zu können. Der 
IVlittelbegriff , der diefe Subfumtion bewirkt, 
heiffe der Typus des practifchen Gefelzes. 

142. Urn nun diefen Tjpus (141) zu fin- 
den , bemerke man , dafs man , bej jeder 
pflichtniäfsigen Handlung die wir begehen 
fehen , lagt: fo follten alle Menfchen handeln ! 
Im Grgentheil, wenn eine pflichtwidrige Hand- 
lung verübt wird, fagt man : ich wollte nicht, 
dafs alle Menfchen fö wären. 

143. Forfcht man dem Grunde zu diefen, 
wenn auch nicht immer gefagten, doch gewifs 
ftets gedachten Sentenzen nach; fo fieht man 
leicht, dafs er kein anderer ili, als weil man 
lieh gleichfam das Selbftbekenntnifs ablegt: 
man wolle gern einem Naturge fetze 
unterworfen fe/n , wornach alle Menfchen 
gut, und wolle nicht gern einem andern 
-Naturge fetze unterworfen ^eyn, wornach, 



53 
alle Menfchen böfe handeln miifsten. 
Hiervon macht der ärgfte Verbrecher keine 
Ausnahme; denn felbß der Strafsenräuber kann 
nicht wollen , dafs alle Menfchen fo handeln 
müfsten wie er, weil er fonlt ein fehr vergeb- 
liches Handwerk triebe : der erfte , der befie 
Reifende raubte ihm das Geraubte wieder. 

144. Was zeigt uns nun diefes Selbftbe- 
kenntnifs? Offenbar diefes. Der Menfch ift 
fich wohl bewufst, dafs feine guten, fo wohl, 
als böfen Handlungen von empirifchen Grün- 
den beftimmt werden. Al)er wenn diefs wä- 
re, könnte keine Handlung allgemein gut, 
oder allgemein böfe genannt werden; und doch 
verdienen fie ihm diefe Nahmen nur dann, 
wenn jeder oder kein Menfch fo handeln foll- 
te. (142) Was iftzu thun? Erhängt die Hand- 
lung an das Naturgefetz. Weil nähmlich die- 
fes allgemein iß , und die empirifchen Beftim- 
mungsgründe des Willens enthält , will der 
Menfch ein Naturgefetz, das zu guten Thaten 
zwänge, verwirft er das Gegentheil. 

145. Nun aber ift der Begriffeines Natur- 
gefetzes Werk des Verßandes. FolgUch kann 
e;j den Typus (141) des practifchen Gefetzes 
abgeben. 

146. Es kann ihn abgeben, und gibt ihn 
wirklich ab. Als Gefetz iß es aligemein und 
hat mit dem practifchen Gefetze Gemeinfchaft; 
ynd als allgemeine Urfache zur empirifchen 

D 3 



54 

Willensbeßimmimg , iteht c; mit der concret^ii 

empirilchen Willensbeltimmung im Zufarn- 
menhange. Daher geht die gefuchte Siibfiim- 
tion auf folgende Art von Statten. Erft wird 
die conrreie empirifche Willensbeftimmung, 
unter die allgemeine empirifche Urfache der 
Willensbeltimmung , unter das Naturgefetz 
iiähmlich, als das Individuelle unter das All- 
gemeine fuhfumirt. Dann aber diefs Naturge- 
fetz felblt dem höheren Gefetze der Vernunft 
untergeordnet. Ich wollte nicht , fagt der 
Dieb , dafs das Naturgeletz alle Menfchen 
zwänge, Diebe zu fcjn. Alfo erfilich fchreibt 
er es dem Naturgefetze zu , wenn alle Men- 
fchen fo handelten, wie er; und dann unter- 
wirft er doch das Naturgefeiz feinein Willen, 
indem er iagi: er wolle nicht, und erkennt 
daher feine Handlung als nicht durch das Na- 
turgefetz verajilafst. 

147. Eben auf diefe Art dient die Na- 
tur der fenfibilen Welt, der Natur 
der iiitelligibilen Welt zum Tjpus. 
Denn diefe ift der nothwendige Zufammen- 
hang nach dem Gefetze der Vcrijunftcauff li- 
tät; (h9) jene der nothv/endige Zufanimen- 
hang der Urlachen und Wirkungen, nachdem 
Gefetze der Sinnencaufalität. (§. 2 t 6) Daher 
haben bejde Naturen die Caufalverbindung 
gemeinfchaftlich ; und die fenfibile Natur ent- 
hält von der andern Seile die Gründe zurJBe« 



55 

ftimmung der empiiifclien Handlungen. Folg- 
lich, da der Begriff Natur überhaupt, Werk 
des Verftandes ift, vermittelt die fenfibüe Na- 
tur die empirilchen Handlungen mit der intel« 
ligibilen Natur als ein wahrer Typus. (14») 



IIL 



148. Aufser dem pofitiven Vortheil , den 
wir durch den Typus erhalten , indem wir 
durch ihn in den Stand gefetzt werden , em- 
pirifche Willensbeftimmungen unter das prac- 
tifche Gefetz zu fubfumiren, dient uns die Leh- 
re vom Typus, oder die Typik, auch noch 
von der negativen Seite. Durch diefe fehen 
wir, dafs nur das (46) aufgeitellte practifche 
Gefetz, bey der Vernunft fiehen bleibe, ra- 
tional i^ey : da hingegen jedes andere, das 
tiefer oder höher liegt, entweder in den E m- 
pirismus verfdlie , oder fich zumMysti- 
c i s m u s hinauflchwinge. 

149. Man nennt nähmlich die Lehre von 
einem Moralprincip mysiifch, die ihrem 
aufgeftellten Grundfatze durch überlinnliche , 
als gegeben gedachte Handlungen , zu Objec^ 
ten verhelfen zu können wähnt. 

130. Hingegen heifst die Lehre von ei- 
nem Moralprincip empirifch, die nur von 
finnlichen , empirifch gegebnen Handlungen 
ihren Grundfatz ableitet. 
D 4 



56 

151. Ohne den Tvpus käme es chrauf an» 
ob jemand unfern practifchen Grundfatz ab- 
ftreiten wollte, weil fich keine empi>-ifclie VVil- 
lensbeftimmung unter einen d priori gefunde- 
nen Begriff unmittelbar fiibfnmiren läfst; (140) 
oder ob er dem jjractifchcn Gefetze aus dem 
Wahne beypflichten wollte , weil er glaubt 
ihm überfinnliche Handlungen, als Objecte, 
fubfumiren zu können. Im erften Falle ver- 
fiele man in den Empirismus; (15) im zwey- 
ten verßiege man fich in den Myßicismus. ( 1 49) 

1 -.2. Durch die Typik (»48) weicht man 
beyden Irrwegen aus. Sie lehrt , dafs empiri- 
fche Willensbeflimmungen, vermittelftdes Ty- 
pus , fehr gut unter das practifche Gefetz fub- 
fumirt werden können ; und dafs daher das 
Object dcITelben nicht überfinnlich, noch es 
felbPt ein Abftractum aus empirifchen Hand- 
lungen zu feyn braucht. 

SIEBENTE VORLESUNG. 

I. 

(Von den Triebfedern der reinen practifcheia 
Vernunft.) 

153, Dafs eine Handlung nur dann m o- 
ralifchen Werth habe, wenn das prac- 
tifche Gefetz unmittelbarer Beftimmungs- 



57 

grund des Willens ift, dafs fie legal, oder 
pflichtmäfsig fej , nicht aus Pflicht 
gefchehe, wenn etwas Empirifches fichindie- 
{en Bertimmungsgmnd mifcht, ift oben (35) 
theils erklärt worden, theils erhellet es ausdenri 
ganzen Verlauf unferer Betrachtungen. 

154. Eben fo haben wir (4) das Wort 
Triebfeder erklärt, und (7) gezeigt, dafs je- 
der Beweggrund doch am Ende einen Bezug 
auf uns , auf unfer Gefühl haben, alfo eine 
Triebfeder vorausgefetzt werden muffe. 

15^, Nun kann die fittliche Handlung 
keine empirifche Triebfeder haben, denn fonß 
würde (ie höchftens pflichtmäfsig , nicht aus 
Pflicht gefchehen. Folglich , da nur das prac- 
tifche Gefetz der Beweggrund der littlicheii 
Handlung fejn darf, entfteht die Frage: in 
welchem Bezug fieht dalTelbe mit unferm Ge- 
fühl , um folchergeßalt Triebfeder abgeben , 
und uns zu Handlungen bewegen zu können? 
Die Antwort wird aus folgenden Betrachtun- 
gen erhellen. 

156. Die erfte Wirkung, die das practi- 
fche Gefetz auf den Willen delfenhat, der fich 
dadurch beltimmen läfst, ift, dafs er feinen 
Willeji nicht von fuinlichen Antrieben und 
Neigungen beftimmen lallen kann ; denndiefe 
find nicht ä priori gegeben , und können da- 
her nicht eiti allgemeines Gefetz für alle ver- 
nünftige Weien werden. Diefe Wirkung ift 
D 5 



5B 

aber, wie man ficht, nur negativ: fie zeigt, 

was nicht gefchehen kann, nicht aber , was 

wirklich gefchiehl. Wir miilTen a!fo weiter 

gehen. 

157. Der Menlch, der blofs feine eigne 
GHickfeligkeit (29) zum Ziele feiner Handkin- 
gen fetzt, deflen Maximen alfo alle auf die 
Befriedigung feiner Neigungen gehen, heifst 
felbstfüchtig; und der Hang dazu, Selbst- 
f u cht. {SolipßJJ'imus.) 

158. IH der Grund der Selbftfucht Wohl- 
wollen %egGn uns felbß; fo heifst fie Ei- 
genliebe. {Phila-utia) Ilt er aber Wohl- 
gefallen an uns ; fo heifst fie Eigendün- 
kel. (^Arrogantia^) 

\^cj. Die Eigenliebe (138) wird durch 
das practifche Gefetz nicht aufgehoben. Denn 
das Wohl (30) fuchen, und das Weh (31) flie- 
lien, iß Gefetz der menfchlichen Natur; und 
ein Gefetz kann dem andern nicht widerfpre- 
chen. Nur wird fie dahin gemälTigt, dafs fic 
Itets dem Sittengefetze untergeordnet fejn, 
und der Menfch nur in fo fern fein Wohl be- 
fördern mufs, als es mit dem practifchen Ge- 
fetze übereinftinimt. 

160. Die folcher Gefialt durch das prac- 
tifche Gefetz gemälTigte Eigenliebe (139) heifst 
vernünftige Selbstliebe. 

161. Jede Perfon, die durch Vernunft- 
gründe unfern Willen beftimmen kann, erregt 



59 

Achtung für ficli : lo da(s Achtung der Ge- 
müthszußand iß , worin wir uns befinden, 
wenu wir unfern Willen gegen unfere Neigung 
den Gründen des andern unvermeidlich, 
alfo mit einer Art von vernünftiger Nöihigung, 
(54) aus eignem Antriebe unterwerfe.n. 

162. Nun find wir, wenn wir nach dem 
prac tiichen Gcfetze handeln , die Perfon , die 
unfern Willen gegen unfere Neigungen zum 
Handeln beßimmt. Folglich erregen wir als»- 
dann unfere eigene Achtung. (i6i) 

16^, Bey jeder Achtung , die wir für je« 
mand fühlen , werden wir g e d e m ü t h i g t , 
indem wir feine Erhabenheit über uns anzuer- 
kennen, gleichfam gezwungen werden. Folg- 
lich wird auch unfer Geiß durch das practifche 
Gefetz gedemüthigt, in fo fern wir cinfehen , 
wie viel erhabener der Menfch wäre, der fei- 
nem Willen blofs nach demfelben beßimmen 
gönnte , als der iß, der auch Neigungen zu 
Beßimmungsgründen feines Willens machen 
piufs. 

164. Jede Demüthigung, die wir erlei- 
den , thut dem Wohlgefallen an uns Abbruch. 
Folglich wird durch die Anerkeniuing des 
practifchen Gefetzes zur Richtfchnur der fittli- 
chen Handlungen , der Eigendünkel (138) ganz 
gehoben : wir können kein Wohlgefallen an 
uns feibß haben, bis wir nach diefem Gefetze 
handehi. 



6o 

163. Aber jeder Abbruch, den das Wohl- 
gefallen an uns felbft erleidet , erregt ein 
fchmerzhaftes Gefühl, Folglich wird , von 
der negativen »Seite durch das Bewuftfeyn , 
dafs wir dem practifchen Gefetze genau nach- 
leben foHen , ein fch m erzh aft es Gefühl 
in uns erregt. 

166. In fo fern wir aber cinfehen, dafs 
unferc Vernunft allein hinreicht, unfern Wil- 
len , nach dem practifchen Gefetze zu beftim- 
men, und wir uns folcher Geltalt über uns 
felblt erhaben fühlen , erwerben wir unfere 
Achtung, und bringt diefe Achtung eine Ver- 
mehrung des Wohlgefallens an uns felblt , ein 
angenehmes Gefühl in uns hervor. 

167. Beyde Gefühle , das der Luft durch 
Selbftachtnng, (166) und das der Unluft durch 
die Demülhigung, (163) find gänzlich a/7/-/or/, 
durch die Betrachtung des practifchen Gcfc- 
tzes , gefunden worden. Zufammeh mögen 
fie daher das moralifche Gefühl heiflen. 

169. Demnach fteht das practifche Gefetz 
in Bezug mit unferm Gefühl; und daher kann 
das moralifche Gefühl (1^7) die Triebfeder 
7A\ moralifchen Handlungen abgeben. Nur 
mufs diefe Triebfeder nicht als Befiimmungs- 
grund des Willfens gemacht werden, wenn die 
dadurch wirklich gewordene Handlung mora- 
lilch feyn foll. Denn alsdann würde fie nicht 
blofs durch das practifche Gefetz , foiidern 



6i. 

durch ein Gefühl beftimmt werden, und allen 
moralifchen Werth verlieren. Das Gefühl der 
Luft kommt als Folge der Handlung nach dem 
practifchen Gefetze , ohne ihr Beßimmnngs» 
grund zu feyn. 



IL 



169. Jede Triebfeder des Willens erregt 
für die Sache, die dadurch wirklich werden 
foll 5 ein In ter ef Te. Folglich wird das mo- 
ralifche Gefühl , (167) auch ohne allen Bey- 
tritt finniicher Urfachen , ein moralifches 
Intereffe für Jiitliche Handlungen in uns 
erregen. 

170. Sobald wir ein Intereffe (169) für 
irgend etwas fühlen , entwerfen wir uns eine 
Maxime, wie wir dallelbe wirklich machen 
wollen. Da nun aber eine Maxime nur dann 
moralifch ift (7?) wenn fie ein allgemeines Ge- 
fetz werden kann , alfo dem practifchen Ge- 
fetze (46) gemäfs ift; fo mufs die moralifche 
Handlung blofs ein moralifches Intereffe {^6^} 
für fleh haben, 

171. Bey allem dem aber, dafs wir uns 
für die fittlichen Handlungen intereffiren, (170) 
gefchieht fie dennoch nicht ohne vernünftige 
X^Jöthigung. (54) Nun fetzt der Begriff der 
Nöthigung jemand voraus, der uns nöthigt, 
und dem wir uns unterwerfen. Aber zu 



62 

der moralifchen Handlung nöthigt uns niemand 
anders, als unfere Vernunft, und das aus ihr 
cntfprungene Gefetz. Folglich verlangt eine 
IVlaximezu ihrer Moralität, Un tertve rf u n g 
unter das practifche Gefetz. 

172. Dennnach gefchieht eine Handlung 
aus Pflicht , (35) wenn fie felbft dem Gefetze 
gemäfs , und die Maxime die ihr als ße- 
ftimmungsgrund des Willens diente, blofs durch 
Unterwerfung unter das Gefetz , (171) ohne 
anderweitige Beweggründe entfprungen iß. 

173. Weil nun die heilige Handlung (57^ 
ohne allen , felblt vernünftigen Zwang dem 
practifchen Gefetze gemäfs gefchehen ni^ifs, 
alfo be7 ihrer Maxime keine Unterwerfung 
unter das practifche Gefetz (171) ftatt findet; 
fo ßeht die Handlung aus Pflicht zwifchen der 
heiligen (5-) und der pflichtmälTIgen Handlung 
in der Mitte : fie i(t mehr als die zweyle , weil 
die Maxime, wornach fie gefchieht, moralifch 
ift; aber wenii^er als die erfie, weil fie eine 
Nöthigung vorausfetzt. 

174» Die moralifche Handlung, als fol- 
che , darf eben fo wenig mit den Neigungen 
zufammenftimmen , als fie gänzlich heilig fevn 
kaim , indem in beyden Fällen keine vernünf- 
tige Nöthigung zu ihrer Wirklichwerdung er- 
forderlich wäre. Folglich bedeutet der Aus- 
druck: man thue eine moralifche Handlung 
g«rne, weder daü eine, noch das andere; 



03 
fondern blofs , dafs man die Idee der Heilig- 
keit (57) entworfen habe, und in feiner Hand- 
lung fich ihr , fo viel möglich , zu nähern 
fuche. 



m. 



i^^. Schwärmerei überhaupt heifst 
die nach Grundfätztn unternommene Ueber- 
fchreitung der Grenzen der menfchlichen Ver- 
nunft; und moralifche Schwärmerei 
ins Befondere , die nach Grundfatzen unter- 
nommene Ueberfchreitung der Grenzen der 
practifchen Vernunfi. (§. 587.) 

176. Da nun der höchfte Grad der, dem 
Mcnfchen erreichbaren Moralität , feiner T u- 
gend nähmlich, nur in der Befolgung des 
practifchen Gefetzes , alfo in einem Kamp fe 
gegen die Neigungen befieht ; fo würde das 
Streben nach völliger Erreichung der Idee der 
Heiligkeit, moralifche Schwärmerev, (175) 
fo wie der Wahn , fchon hienieden fogar in 
dem Befitze der Heiligkeit zu feyn , Stolz und 
Eigendünkel verrathen ; (178} eine Idee kann 
nie erreicht werden. 

177. Da nun die Handlung aus Pflicht (55) 
vorausfetzt , dafs der Kampf gegen die Nei- 
gungen von dem practifchen Gefetze glücklich 
beftanden fey ; fo entfpringt lie aus dem Ver- 
mögen des, fonfl zur finnlichen Natur (§.216) 



^4 

gehörigen Menfcheii , fich über den Natnrrne- 
chanismus(i 24) liiiiweg fetzen, und fich gleich- 
fam in eine intelligibile Natur (94) hinauf- 
fchwingen zu können. 

i'^.S« Diefs Vermögen (177) marht die 
Perfönlichkeit des Menlchen aus ; fo dafs 
der Menfch glcichfam als aus zwey Theilen 
beziehend , gedacht werden mu fs : aus der 
cmpirifchen Perfon, die dem fenfibilen 
Naturnnechanismo unterworfen ift, und aus der 
Per fönlichkei t, die das Vermögen belitzt, 
fich darüber zu erheben. 

179. Durch die Perfönlichkeit find wir im 
Stande dem practifchen Gefetze nachzuleben. 
(178) Aber nur durch diefs Vermögen, ver- 
dienen wir unfere Achtung. (1O2) Folglich 
verdient die Perfönlichkeit, und nur fie unfere 
Achtung. 

18c. Sondert man beyde Theile (178) 
von einander; fo gehört die Perfon zur finnli- 
chen Welt, und ift der Grund zu den Nei- 
gungen, die Perfönlichkeit aber zur intelligi- 
bilen Welt, und enthält die Möglichkeit dem 
practifchen Gefcize nachzuleben. Wäre da- 
her die Perfönlichkeit allein exifiirend , fo 
würde auch die fitlliche Handlung ohne Kampf 
wirklich werden. Folglich ift die Perfönlich- 
keit heilig, (5'/) i"nd nujfs dem Menfchen als 
heilig , u n V c r i e t z 1 i c ii i'eyn. 



18 !• 



65 
i8i. Da nun jeder Menrdi einen fbichen 
Theil enthält; fo mufs uns die Menfchheit 
oder der Menfch , ohne Riickficht auf feine 
empirifche, individuelle Befchaffenheit betrach- 
tet, als heilig, unverletzlich feyn. (i8o) 

182. Aber alles, was als heilig gedacht 
wird , fetzt voraus , dafs leine Handlungen 
blofs durch das practifche Gefetz beftimmt wer- 
den. Seine Heiligkeit wird daher verletzt, 
wenn man ihn zu Handlung zwingt , die er 
nicht mit VVillkühr, (50) daher nicht nach 
dem practifchen Gefetze (52) begehen kann : 
er wird dadurch entheiligt. 

1815. Nun^ aber ift jede moralifche Hand- 
lung Zweck an fich, hingegen eine Handlung, 
die ich aus Furcht vor Strafe, oder aus Hoif- 
nung zur Belohnung thue, nur Mittel zur 
Befriedigung der Neigung» Wenn ich daher 
jemand entheihge , (i8<2) will ich dafs feine 
Handlungen blofs als Mittel , nicht als Zweck 
an fich [)etrachtet werden folleii. Da nun die 
Menfchheit uns heilig fevn mufs; (iS'-) fo 
folgt das Sittenge fetz: betrachte kei- 
nen Menfchen als Mittel, fonderu 
als Zweck an fich, welches mit andern 
Worten fo viel heifst : zwinge keinen Men- 
fchen zu Handlungen , die nicht dem practi- 
fchen Gefetze gemäfs find. 



E 



66 

ACHTE VORLESUNG. 
I. 

(Von der Dialeetik ) 

184. Dialeetik, wilTen wir (§. 87.) iß ei- 
ne von der reinen Vernunft angemafste Wif- 
fenfchai't von dem Materialen der Wahrheit, 
(§. 82) und dem Dinge an fich. (§. 264) 

185. In dem Gebrauche der theorelifchen 
Vernunft (§. 3S7) war es ganz natürlich, dafs 
durch diefe anmafsliche Wiffenfchaft ein Schein 
(§. 303) entliehen mufste, der uns ohne Critik 
zum Irrthume verleiten könnte , der aber durch 
fie verhütet wurde. Dann da die Begriffe und 
Grundfätze der theoretifchen Vernunft nur 
dann objectiVe Gültigkeit haben, wenn fie fich 
auf Anfchauungen beziehen , aber diefe nur 
als Erfcheininigen gegeben werden können; 
fo enthält eine Lehre von Dingen an fich, 
einstheils nur anfchauungslofe Begriffe, an- 
derntheils aber wird fie, durch die nnwillkühr- 
liche Verwechfelung der Dinge an fich mit den 
Erfcheinungen , uns zum Irrthume verleiten. 

18^'. In dem Gebrauche der practifchen 
Vernunft hingegen , wo der Begriff nicht auf 
wirkliche Handlungen, als Erfcheinungen an- 
gewandt zu werden braucht p um objcctive 



6; 

Gültigkeit zu bekommen, (103) ficht es aus, 
als wenn gar Dialectik, am wenigften aber 
die Aufdeckung des Scheines möglich fey. Wo 
Begriffe fchon an und für lieh objective Gültig- 
keit erhalten, fobald fie logifch möglich find, 
wird fich der material wahre von dem biofs 
formal wahren gar nicht unterfcheiden lallen. 

187. Allein bej allem dem, dafs practi- 
fche Vernunft keine Handlung durch, ihre Be- 
griffe und Grundfätze zur Wirklichkeit gebracht 
willen will , verlangt fie doch , dafs ihre Grund- 
fätze, um Erkenntnifs zu gewähren , an einer 
Willensbeftimmung ein Object finden foUen, 
das durch lie feine Möglichkeit erhält; (124. 6.^) 
und zwar ift das Object des practifchen Ge- 
felzes die Willensbellimmung zum Guten als 
Erfcheinuiig: (7^) fo dafs die Willensbeftim- 
mung gut heifst, die dem Gefetze gemäfs, und 
aus ihr entfprungen ift. 

188. Nun willen wir, (§. 321) dafs die 
Vernunft ftetfi zu jedem, in der Erfahrung be- 
dingt gegebnen Gegenftande das Unbedingte 
fucht , und nicht eher befriedigt ift, als bis fie 
es gefunden hat. Diefen unbedingten Gegen- 
Itand zu finden, ift ihr nun frejlich unmög- 
lich, indem alles in der Erfahrung gegebne 
bedingt ift, und die Vernunft nicht über die 
Erfahrung hinaus kann. Aber , da fie dennoch 
weifs, was fie facht, entwirft fie fich von dem 
Gefuchten eine Idee , hält diefe für etwas wirk- 

E 3 



6s 

liches, litr eswas mehr als eui Ziel, wohin fie 
Areben , das fie aber nie erreichen foU , und 
täufcht fich felbft. Diefs war der Urfprung der 
Dialectik in dem Gebrauche der theorctilchen 
Vernunft; dieis ilt er auch hier. 

189. I^er Gegcnfiand des practifchen Ge- 
feites iß das Gute. Dieles aber kann, in der 
Erfahrung nur bedingt gegeben werden : es 
iftltetsgut zu etwas. Nun iteigt die Vernunft 
vom bedingt Guten zu bedingt Guten immer 
weiter aufwärts , entwirft lieh eine Idee vom 
höchsten, unbedingten Guten, hält 
die Idee für erreichbar, und fchafft fich auch 
hier ihre Dialectik. 

190. So weit verirrt lieh die reine prac- 
tifche Vernunft nun freylich nicht, dafs fie ans 
dem höchfien Gute einen Beftimmungsgrund 
des Willens zu moralifchen Handlungen mach- 
te. Sie weifs recht wohl , dafs jeder Beflim- 
mungsgrund des Willens , der verfchieden von 
der Vernunft ift, er beftehe übrigens worin er 
wolle, nur Heteronomie der Willkühr, (59) 
und daher nie Sittlichkeit (52) hervorbringe. 

191. Aber da doch das bedingt Gute durch 
den zum Theil moralifchen Willen erreicht 
wird, (71^) wenn es ihiri auch nicht 2um Be- 
weggrund dient ; fo glaubt die Vernunft, dafs ein 
höchftes Gut erreicht werden könne , weini der 
Wille vollkommen nach dem practifchen Gefe- 
tze befiiramt wird. Die Erreichung des höchfien 



6fif 
Guts iß der Vernunft unausbleibliche Folge 
der moralifchen Willensbeltimmung , fo wie 
das bedingte Gute wirklich nur durch den zum 
Theil moraliichenWillen erreicht werden kaim. 

n. 

( Das höchfie Gut. ) 
(Theüs) 

192. Hat die Vernunft nun einmahl die 
ixiee des höchften Guts gefafst; fo willfie auch 
\v'iflen, worin es beftehe. Nun hat der Begriff 
des höchsten ßets zwey Bedeutungen: es 
kann entweder der erstp Theil des Gan- 
zen, oder das gröfste Ganze der Art heif- 
fen. Das höchste am Thurme ift feine Spitze 5 
ift das Erste; der höchfte Thurm hingegen 
i|t der gröfste Thurm. 

193. In der erften Bedeutung wird dei. 
Begriff des höchlten Guts nicht den ganzen 
Begriff des Guts erfchöpfen, würde nur einen 
Theil von demfelben fejn ; in der zwejtea 
Bedeutung hingegen würde es zwar das Ganze 
umfalfen , aber ohne Hinficht auf das , was 
diefem Ganzen als Bedingung dient, was in 
ihm das erfte ift, 

194. Soll daher das höchßc Gut in allem 
Betracht das höchfte fejn ; fo mufs der Begriff 
deffelben nicht nur die erfte Bedingung enthal- 
ten . wodurch etwas überhaupt gut iit, fon- 

E 3 



7» 

dem auch den gröfstmöpfliclißen Erfolg diefer 
Bedingung, das gröfste Gut nahmlich. 

195. Nun ilt die Tugend, als die Fertig- 
keit unfern Willen nach dern practifchen Ge- 
fetze zu befiimmen , gewils die erfte Bedingung 
unferer Würde zur Glückfeligktit. (76) Aber 
da auch Glückfeligkeit felbft ein Gut ift, in- 
dem es dem Menfchen unmöglich fällt fie nicht 
zu wollen; fo liegt in dem Begriffe des höch- 
ften Guts auch der Begriff der gröfsten Glück- 
feligkeit. Folglich helteht der Begriff des 
höchfien Guts aus zwey Theilen : aus dem 
Begriffe der Tugend , und dem der Glückfelig- 
keit. 

196. Zwey Begriffe, die zufammen einen 
Begriff ausmachen , lind entweder anaivtifch 
nach dem iSatze der Identität , oder fynthetifch, 
nach dem Satze der Caufalität mit einander 
verbunden. D rSatz: ein Dreyeck ifi eine Fi- 
gur in drey Linien eingelchloffen , enthält den 
Begriff Figur, und den der Einlchlielfung als 
Beftandtheile , die aber nach dem Satze der 
Jdentität mit einander verbunden find; denn 
jede Figur ilt nichts anders als ein eingefchlof- 
fener Kaum. Die genetifche Erklärung des 
Cirkels hingegen , verbindet ihre Beftandthei- 
le nach dem Satze der Caufalität : wenn ei- 
ne gerade Linie fich um ein,en fefien Punct be- 
wegt : fo bcfchreibt der andere Punct der Li- 
^ie, einen Kreis. 



71 

197« Trailer find bej der Verbindung der 
Begriffe Tugend und Glückfeligkeit um den 
Begriff des liöchften Guts heraus zu bekom- 
men , zwey Fälle denkbar : entweder Tugend 
und Glückfeligkeit find analjtifch , oder fvn- 
thetifch mit einander verbunden. 

198. Sollen fie identifch fejn ; fo ift diefs 
abermahls auf zweyerley Weife denkbar : ent- 
weder man fetzt den Begriff der Tugend fefi , 
analvfirtaus ihm den Begriff der Glückfeligkeit, 
und fagt, mit der Stoa : dem Tugendhaften 
werde das höchfte Gut fchon durch feine Tu- 
gend zu Theil, weil der Begriff der Glückfe- 
ligkeit , als Befiandtheil des höchfien Guts , 
gar nicht von dem Begriffe der Tugend ge- 
trennt werden könne ; oder man fetzt den 
Begriff der Glückfeligkeit zuerfi fcft, analyfirt 
aus ihm den Begriff der Tugend, und fagt mit 
Epicur, der Glückliche fej^ Befitzer des höch- 
Iten Guts fchon durch feine Glückfeligkeit, 
weil in (liefern Befitze die Tugend befiehe. 

199. Dafs bejde Begriffe nicht eins, 
nicht analjtifch mit einander verbunden fejn 
können, erhellet aus dem ganzen Verlauf un- 
serer Betrachtunjjen. Tusrend befieht in der 
Willensbeltimmung nach dem practifchen Ge- 
fetze, alfo mit Bekämpfung der Neigungen; 
und Glückfeligkeit in Befriedigung derfelben. 
Folglich thun fie fich wechfelfeitig Abbruch , 

■ E 4- 



und köniieii daher gewiis nicht als ideiilircU 
betrachtet werden. 

2üO. Wenn denuiach Tugend und Gli'tck- 
feligkeit dennoch in dem Begriffe des höchfien 
Guts verbunden feyn müden; (193) fo kann 
dicfe Verbindung nur nach dem 
Ge fetze derCaufalität statt finden; 
(196) und zwar \\\ entweder die Maxime der 
Tugend der Grund zu unferrn HofTcn nach 
Glückfeligkeit : wir erwarten Glückfeligkeit , 
\v e n n wnr tugendhaft find ; oder diefes Hof- 
fen ift der Grund zur Maxime der Tugend -, 
wir wollen tugendhaft ^^yvi , we il wir Glück- 
feligkeit zu erlangen hoffen. Einer von bey^ 
iX^w Fällen mufs richtig fejn , wofern das liöch- 
ile Gut, als der Gegenftand des practifchen 
Gefetzes , der ihm Objectivität verfchafft, 
wirklich das höchste Gut, (04) und jenes 
Gefetz nicht objectlos feyn foU. Diefs macht 
die T h e s i s der Antinomie der practifcheu 
Vepiunft aus, 

«r, 

(A n t i t h c s i s.) 

SOI. Nun aber geräth bej dicfer ßehaup- 
tung die Vernunft mit fich felbft in Streit, und 
fie glaubt im Stande zu feyn zeigen zu köi^- 
uen, daf5 v/edcr Tugend nothwendige Urfache 



n 

der Glückfeligkeit , noch diele iiothwendige 
Urfache der Tugend fej, und daher bey- 
deBegriffe nicht, nach dem Satze 
der Ca u fall tat, in dem Begriffe des 
li ochsten Guts verbunden werden 
können. Diefs ilt die ^Antithesis der 
Antinomie der practifchen Vernunft. 

202. Diefe AntithePis glaubt fie folgender 
Geßalt erweifen zu können. Denn follte Tu- 
gend und Glückfeligkeit, nach dem Gefetze 
der Caufalität, fo verbunden fejn , dafs wir 
tugendhaft feyn wollen, weil wir Glückle- 
ligkeit zu erlangen hoffen ; fo hätte das prac- 
tifche Gefetz an der Glückfeligkeit fich einen 
Zweck gefetzt; es hätte eine Materie, (23) 
die den Willen beltimnit , und wäre eben da- 
durch kein practifches Gefetz. (13) Sollte. 
von der andern Seite, die Caufalität zwifcheu 
Tugend und Glückfeligkeit darin beßehen , 
dafs wir Glückfeligkeit zu erlangen hoffen, 
wenn wir tugendhaft find; fo wäre freilich 
die Glückfeligkeit kein Beltimmungsgrund des 
moralifchgn Willens , und der Wille bliebe 
auch noch immer moralifch, wenn auch der 
Zweck, die Glückfeligkeit nähmlich nicht er- 
leicht würde. ^^\m erfordert die Erreichung 
des Zweckes aufser der moralifche]i Mög- 
lichkeit, (71) noch überdiefs die phjlifche; 
(69) und wenn diefe fehlt, wird der Zweck 
wirklich nipht erreicht. Folglich braucht und 

E5 



74 

kann die Glückfeligkeit durch die tngendhaf» 
te Willensbeftimmung allein , nicht wirklich 
werden , und iß daher keine nothwendige 
Folge derfelben. 

203. Alfo nochmahls ! Tugend und Gliick- 
feligkcit mülTen in dem Begriffe des höcliften 
Guts mit einander verbunden fevn. (193) Sie 
können nicht als identifch betrachtet werden, 
da fie einander wechfelfeitig Abbruch thun. 
(199) Daher müfste man den einen Begriff 
als die Folge des andern, und fie ftlbft als 
nach dem Gefetze der Caufalitat, in dem Be- 
griffe des höchlten Guts verbunden anfehen. 
c 

Aber auch dafs fie in keiner Caufalverbindung 
liehen können, beweifet die Vernunft, (^o^) 
Folglich ilt lie hier ebenfalls mit fich felblt im 
Streite. 

NEIJNTE VORLESUNG. 

I. 

(AuflÖfung der Antinomie.) 

204. Um die Auflöfung diefer practifchen 
Antinomie zu finden ; fo hat die Antithefis 
allerdings in der Behauptung recht, dafs Gliick- 
feligkeit nicht Grund der Tugend fevn,- und 
die Caufalverbindung unter ihnen nicht lieiffen 
könne: weil wir Glückfeligkeit zu erlange'h 



1^ 

hoffen , find wir tugendhaft. Denn in keinem 
Falle ift es möglich , dafs eine Beflimmung 
des AVillens, die eine Materie hat, je eine tu- 
gendhafte Willensbeßimmnng abgebe» 

'J05. Auch ift für inifere Sinnenwelt, in 
der die Habwerdung der Glückfeligkeit nie von 
dermoralifchen , fondern ftets phjfifchen Mög- 
lichkeit abhängt , Glückfeligkeit nicht noth- 
wendige Folo;e der Tugend : der Tugendhafte 
braucht nicht immer glücklich zu feyn. 

206. Da aber auch fchon hier der Tugend- 
hijfte doch glücklich werden kann, wenn er 
nähmlich obendrein das phyfifche Vermögen 
belitzt , die Zwecke feiner tugendhaften 
Maximen ins Werk zu fetzen; fo verfchafft 
uns diele Möglichkeit einen Ausweg, um die 
Thefis zu rechtfertigen. Denn nun enthält es 
keinen Widerfpruch Glückfeligkeit die Tugend 
als Folge begleiten zu fehen; und daher kön-^ 
neu wir die N o t h w e n d i ? k e i t diefer Fol- 
ge in einer Welt annehmen , deren Einrichtung 
^o befchaffen ilt, dafs dasphyllfche Vermögen 
auch ftets dem zu Theil wird, der feinen WiU 
Jen nach dem practifchen Gefetze beltimmt? 
wer in ihr das letzte tliut , hat auch , unter 
diefer Bedingung, das Vermögen feine tugend- 
haften Endzwecke erfüllt, und fich in dem 
Belitze der Glückfeligkeit zu fehen, 

'2Q<^. Das practifche Gefetz, an und für 
fich, verlangt fchon, dafs wir Uj'.s nicht als 



7^ 

blofs zur Sinnenwelt gehöi-ig , fonflern als ei- 

lien Tlieil aus einer intelligibileu Welt be- 
trachten follen. (i/S) In dererften, kann das 
pruclifclie Cefetz nie als^ollftändige Urfache 
zur Willensbeliimmung gelten. Daher ilt auch 
der Zweck dieles Willens , das höchfte Gut 
iiähmlich zu erreichen, und Glückfeligkeit als 
nothwendige Begleiterinn der Tugend zu fe- 
ilen, nicht möglich. Wohl aber läfsteslich in ei- 
ner intelligibileu Welt, in der alles nach Ver- 
iumftgefetzen beltimnnt wird, erwarten, dafs 
Glückfeligkeit A'-erhältnifsmäfsig das Erbtheil 
der Tugend feyn , und das höchlie Gut erlangt 
werde. Eine folche Ehu'ichtung verlangt die 
Vernunft; und daher mufs auch die Welt, 
die nach Vernunft eingerichtet worden, die 
intelligibile Welt nähmlich , dicfem Verlangen 
Genüge leißen, 

208. Auch hienieden iß fclion eine Art 
von Glückfeligkeit mit der Nachlebung des 
practifchen Gefetzes , als nothwendige Folge, 
iiets begleitet. Denn diefe Nachlebung bringt 
das Bcwufstfeyn hervor , dafs wir die Kraft 
befitzen unfere Neigungen zu bekämpfen ; und 
das Bewufstfeyn einer Kraft gewährt ftets 
Selbstzufriedenheit. 

209. Allein aufser dafs diefe Selbllzufric 
denheit gröfstentheils nur negativ i/t, und 
uns dadurch noch keine Glückfeligkeit im po- 
huvcn V'erli;^ude gereicht wird, dafi> wir wi,f- 



fert, wir hängen von unfern Neigungen nicht 
ab; gedeihet diele Selbftzufriedenheit (2o,'{) 
feiten oder nie zur S elbs tgeniigfa m ke i t, 
oder dem Bewufstfejn der gänzliclien Un- 
abhängigkeit von (.]en Neigungen. ?vlchr oder 
wenio-erfind wirdiefen doch liets unterworicu, 
und 8;eniefsen daher auch diefe GUickfehgkcit 
nicht rein. 

210. Betrachten wir nun diefe Auflöfung 
der Antinomie der practifchen Vernunft; fo 
ergibt fich das Refuhat, dafs Tugend und Ghick- 
fehgkeit nach dem Gefelze der Caufahtät mit 
einander verbunden find, um den BeerifP des 
höchßen Guts zu bilden. Tugend ift nähm- 
lich das erste, was zur Erreichung des höch- 
Iten Guts erfordert wird , iß deflen condlti» 
ßne qua non; und dann, wenn diefe Bedin- 
gung erfüllt worden, kann das gröfste Gut, 
Glückfeligkelt nähmlich , folgen. Zwar nicht 
hienieden , in diefer Sinnenwelt, doch aber in 
einer intelligibilen Welt, von der derMenfch, 
durch die Willkühr feinen Willen nach den 
practifchen Gefelze zu beftimmen, fchon einen 
Theil, in feiner Perfönlichkeit , (178) aus- 
maclit. 

II. 

(Von den Polttilaten der practifchen Vernunft.) 

211. In der Critik der reinen Vernunfc 
(§.' 21g. fcq.) haben wir (^cn Begriff Poßulat , 



78 

nach der Art der Geometer dadurch feftge fetzt, 
dafs es die Möglichkeit enthält, wodurch wir 
eine Anfchaiumg von irgend einem Gegen- 
fiande bekommen können. Daraus folgte, 
dafs die Poftulate nicht erweislich wären. 

2 12. Jeder Satz nun, der theoretifch 
nicht erweislich ilt , aber als Bedingung der 
Möglichkeit eines d priori gefundenen practi- 
fchen Gefetzes angenommen werden mufs , 
heifse ein practifches Postulat. 

213. Nun wilTen wir: erftlich , dafs nur 
durch völlige A n g e m e f f e n h e i t des 
Willens zum practifchen Gesetze, das höclifte 
Gut befördert werden könne ; (.i \ o) und zwej- 
tens, dafs die Beförderung des höchlien Guts 
das nothwendige Object des durch das practi- 
iche Gefetz beltimmten Willens fcy. (188.75) 

214. Soll daher das Object felbfi möglich 
feyn , foU das höchfte Gut wirklich befördert 
werden können; fo mufs die Bedingung, un- 
ter der allein es wirklich befördert werden 
kann , völlige Angemeffenheit des Willens 
zum practifchen Gefetzc nähmhch , (2 13) eben- 
falls möglich feyn. 

215. Aber völlige AngemefTenheit des 
Willens zum practifchen Gefetze , ohne Kampf 
gegen die Neigungen , ift Heiligkeit, (57) die 
keinem Menfchen , er mag fo lange leben, 
als er wolle, zu Theil werden kann, weil er 
bienieden ftets unter den Bedingungen der Sin- 



79 

nenwelt Iteht, und leinen Neigungen und Lei- 

denl'chaften unterworfen ift. 

2 16. Der Begriff der Heiligkeit ift dem- 
nach , wie wir auch fchon oben (57) gefagt, 
eine Idee; aber eine practifche Idee, zu der 
wir uns nicht nur, wie bey den theoretifchen 
Ideen , zur Vollendung unferer Erkenntnifs , 
nähern wollen, londern nähern m ü f s e n , 
damit fie wirklich erreicht, und der Befehl 
der Vernunft erfüllt werden könne. 

217. Nun fetzt aber die Erreichung einer 
Idee einen Fortfehritt ins Unendliche voraus. 
Folglich wird auch die Erreichung der Idee 
der Heiligkeit, oder der völligen Angemeflen- 
heit des Willens zum practifchen Geletze, und 
der daraus entfpringenden Erreichung des höch- 
fien Guts , nur durch einen unendlichen Fort- 
fchritt wirklich werden können, 

218. Hörte aber unfere' Exißenz , nicht 
nur mit diefem Leben, fondern irgendwo auf; 
lo wäre die Dauer des menfchlichen Fort- 
fchritts endlich , und die wirkliche Erreichuno- 
des höchften Guts unmöglich. Folglich mufs 
unfere Exiftenz, auch jenfeits des Grabes , ins 
Unendliche fortdauern, mufs der Menfch 
unsterblich f e j n. 

219. Die Unfterblichkeit des Menfchen 
kann die Vernunft, in ihrem theoretifchen Ge- 
brauche , nicht erweifen. Dazu müfste lle das 
unbedingte Subject (§. 339) kennen, um dar- 



So 

aus feine Ünverweslichkeit , als einfache Siib- 
Itanz, folgern zu können: eine Sache, di* 
wie in der Critik der reinen Vernunft (362 feq.) 
gezeigt worden , auf einen Paralogismus führt. 
Von der Vernunft in ihrem praclifchen Ge- 
brauche hingegen , wird die Unfierbhchkeit 
als Bedingung der Möglichkeit ihrer Sätze 
vorausgefetzt. (218) Folglich ilt Unfterblich- 
keit ein PoRulat (212) der practifchen Ver* 
nunft. 

220. Diefes Pofiulat entdeckten wir da- 
durch, dafs der eine Beftandtheil des höchlten 
Guts, die Angemeflenhcit des Willens nahm- 
lieh zum practifchen Gefetze , (213) in diefem^ 
und jedem endlichen Leben nicht denkbar ift. 
(217) Aber das höchfte Gut enthält noch ei- 
nen Beftandtheil ; und zwar den der Glückfe- 
ligkeit nach Maafsgabe der Sittlichkeit. (210) 
Lafst uns fehen, vielleicht bedarf diefer Be- 
ftandtheil auch eines Poliulats als Bedingung 
feiner Möglichkeit. 



iir. 



221. Sollen wir GliickleÜgkeit crreicheitj, 
foll uns keiner unferer Wiinfche fehl fchlagen^ 
(^9) fo mufs die Natur der begehrten Dinge 
mit unfern Ablichten in Einftimmune fevn. 
Denn wenn die Natur der Dinge ihnen zuwi* 

o 

der ift , fo wird das inniglic Wiinfchen fie 

nicht 



8i 
riicht ändern , werden unfere Abfichten fehl 
fchlagen müiren. 

2-2 2. Dürtte der moralifche Wille durch 
Neigungen beftimmt , alfo das Objecl diefes 
Willens, die Gliickfeligkeit, durch empirifche 
Eeftimmungsgründe des Willens erreicht wer- 
den; fo könnte es vielleicht fejn , dafs wir 
durch einen hinlänglichen Grad von Klugheit 
und Weltkenntnifs aus der Erfahrung lernten, 
welche Abfichten erreichbar find. Setzen wir 
dann nur diefe zum Ziele unferer Wünfche, 
fo braucht keiner derfelben fehl zu fchlagen, 
können wir glückfelig fejn. 

223. Aber das höchfte Gut verlangt, dafs 
der Willen blofs durch das practifche Gefetz, 
ohne Hinficht auf empirifche Gründe, beftimmt 
werde. Daher kann die, durch Weltkennt- 
nifs erlangte Einficht in die erreichbaren Ab- 
lichten , nichts zur Erlangung des höchßea 
Guts bejtragen. Auch können wir, von der 
andern Seite, die Natur der Dinge nicht zu 
unferer Abficht bequemen. Folglich fcheint 
es, wo nicht unmöglich, doch nicht nothwen- 
dig , dafs wir je des höchlien Guts theilhaftig 
Vv^erdeii müflfen. Beftimmen wir auch noch 
fo fehr unlern Willen durch das practifche Ge- 
fetz; die Gliickfeligkeit braucht, fo fcheint es, 
nicht delTen Folge zft feyn. 

224. Und doch gebiethet uns die practi- 
fche Vernunft: du follst das höchlle Gut 

F 



82 

befördern , und die grofsle Glückfeligkeit er- 
reichen. (191) Könnten wir diefs nicht, Ib 
liefse fich auch das Sollen nicht befehlen : die 
Vernunft kann uns keinen Befehl auflegen, 
der über die Möglichkeit der Dinge hinaus- 
reicht. 

225. Der Befehl der Vernunft (224) fetzt 
demnach voraus , dafs diefer Zufammenhang 
Zwilchen Glückfeligkeit und Moralität möglich 
fej, und der Menfch, durch die letzte, dieerfte 
erreichen könne. Nun aber ift keine Wirkung 
ohne eine fie hervorbringende Urfache denk- 
bar. Folglich mufs es ein Wefen geben , das 
die Urfache zu diefem Zufammenhange ent. 
hält, oder das die — freylich intelligibile — - 
Natur fo eingerichtet habe, dafs Glückfelig- 
keit ßets Folge der Moralität fej. 

226. Diefes Wefen (225) mufs aber nicht 
nur den Grund zur Uebereinßimmung der 
Glückfeligkeit mit der Moralität enthalten; 
fondern es mufs auch , als oberfte , u n b e- 
dingte Urfache , die Frage beantworten, 
warum die intelligibile Natur fo eingerichtet 
fej, dafs in ihr Glückfeligkeit ftets Folge der 
Moralität ilt. Daher kann diefes Wefen die 
Glückfeligkeit nicht blofsmit dem practifchen 
Gefetze , aber nach empirifehen Gründen in 
Uebereinßimmung gebracht haben; denn diefs 
gäbe keine Nothwendigkeit. Es mufs viel- 
mehr diefe Einrichtung dem practifchen Ge- 



8.3 

fetze gemtifs getroffen haben; denn diefs 
Gefetz allein ift nothwendiger Beftimmungs- 
grund des Willens. Folglich ift die Beförde- 
rung des höchften Guts nur unter der Voraus- 
fetzunp- möglich, dafs'die oberfie Urfache der 
intelligibilen Natureinrichtung, dem practifchen 
Gefetze gemäfs , mit vernünftiger Caufalität 
wirkt, (y^) 

227. Aber eine Wirkung nach einer ver- 
nünftigen Caufilität, heifsteine Wirkung nach 
Gefetzen ; und dasjenige Wefen , das nach 
Gefetzen wirkt, eine mit Willen begabte 
Intelligenz. Folglich ift das höchlte Gut 
zu befördern nur unter der Vorausfetzung des 
Dafejns eines Wefens möglich, das mit Ver- 
nunft (2203 und Willen (^'-^7) die intelli- 
gibile ^atur, und ihren Typus, die fenfibile 
Natur, (147) eingerichtet hat: nur möglich 
unter der Vorausfetzung v o m D afey n Got- 
tes. 

227. Aber auch das Dafejn Gottes, als 
des Ideals der reinen Vernunft, war der Spe- 
culatidn nicht möglich zu erweifen ; (§. 526. 
feq.) die practifche Vernunft hingegen fetzte 
es als Bedingung der Möglichkeit einer ihrer 
Sätze feft. Folglich ift auch das DaCeyn Got- 
tes ein Poftulat der practifchen Vernunft. C2 12) 



F 



84 

ZEHNTE VORLESUNG. 

L 

(Folgen.) 

229. Das höchfie Gut zu befördern, (194) 
iß Gefetz der Vernunft, (191) daher Pflicht , 
(53) f^^^ ""s* Aber diefe Pflicht zu erfüllen 
ift nur unter der Voraubfetzung vom Dafeyn 
Gottes {Z'ij^ möglich. Folglich ift das Dafeyn 
Gottes moralifch nothwendig zur ErfüUun!? 
unferer Pflicht. 

230. Das höchfie Gut mufs befördert 
werden; dann fo befiehlt es unfere Vernunft; 
und das einzige Mittel zur möglichen Nachle- 
bung diefes Vernunftbefehls ift das Dafejn 
Gottes. (229) Folglich muffen wir das Da- 
feyn Gottes als vernünftige Wefen glauben , 
(§. 708) und der Glaube an GoU ift ein rei- 
ner V e r n u n f t g 1 a u b e n. 

231. Religion heifst die practifche Er- 
kenntnifs unferer Pflichten als göttlicher Ge- 
bothe. 

232. Nun bekommen wir durch das prac- 
tifche Gefetz den Begriff des höchften Guts , 
und mit diefem den Begriff unferer Pflicht, 
als etwas, das uns zwar die Vernunft befiehlt, 
aber <\i\.s fie uns gar nicht befehlen könnte. 



85 

wofern Gott es nicht inög]lcli machte zu er- 
füllen. Daher verfchafFt uns das practifche Ge- 
fetz eine practifche Erkenntnifs unferer Pflich- 
ten als göttlicher Gebothe , und verhüft uns 
folglich zur Religion. (231) 

233. Daraus folgt , dafs die Moral gar 
nicht lehre j wie wir uns glücklich machen, 
fondern wie wir der Glückfeligkeit w ü r dig 
werden follen. Denn der Endzweck 
der Moral ift die Mittel anzugeben, wie 
das höchfte Gut erreicht werden könne. Nun 
macht die Glückfeligkeit nur Einen Beltand- 
theil des höcliften Guts aus , delTen wir nur 
dann theilhaftig werden follen , wenn wir die 
Bedingung dazu , die Befolgung des practifchen 
Gefetzes nähmlich, erfüllen. Die Erfüllung 
der Bedingung aber, im moralifchen V^erftan- 
de, macht, dafs wir des Erfolges würdig wer- 
den. Folglich geht die Moralität einer Hand- 
lung, die ganze Moral felblt, nur auf die Wür- 
de zur Glückfeligkeit, nicht auf die Erlangung 
derfelben. 

234. Nur dann erfi: , wenn wir diefe Be- 
dingung erfüllen, wenn wir nach dem practi- 
fchen Gefetze handeln , fteht uns frej zu h o f- 
fen, dafs uns Glückfeligkeit werde zu Theil 
werden. Alfo nur diefes anzugeben , nicht 
die Mittel zur Glückfeligkeit felbli , ift das 
Gefchäft der Moral. 

F3 



86 

^35» I^^Jier kann man auch nicht lagen: 
der letzte Zweck Gottes in der Schö- 
pfung ky die Glückfeligkeit der vernünftigen 
Wefeii. Denn Weisheit, im practifchen 
Vecßande, heifst die Fertigkeit feinen Willen 
dem höchßen Gute anzumelTen. Nun iß, 
Jelbß bej einem eingefchränkt weifen Wefen , 
das dem practifchen Gefetz gemäfs handeln 
will, die Erreichung der Glückfeligkeit, nur 
untergeordneter Zweck ("einer Handlung : (2;34) 
der höhere , letzte Zweck mufs Sittlichkeit 
feyn. Folglich iß von dem A 11 er weif e- 
sten, delTen Wille heilig (71) und daher stets 
dem höchßen Gute angemelTen iß, gewifs nur 
Sittlichkeit der letzte Zweck feiner Handlung, 
der Schöpfung nähmlich. 

wj^6. Diefer Satz, dafs der letzte Zweck 
der Schöpfung die Beförderung der Sittlich- 
keit der vernünftigen Wefen fej , (236) läfst 
ßch auch folgen deiniafsen ausdrücken : der 
letzte Zweck der Schöpfung iß die Ehre 
Gottes. Denn in der That kann uns nichts 
.10 fehr zur Achtung und Ehrfurcht gege« jenes 
unbegreifliche Wefen erheben , als der Gedan- 
ke: diefes Wefen iß es, das durch feine wei- 
fen Einrichtungen es fo veranßaltet hat, dafs 
Glückfeligkeit nur dem zu Theil wird, der 
feinen Willen zur höchßen Moralität empor- 
fchwinjrt. 



237. Zum Schlufse bemerken wir, dafs 
man fchon zu allen Zeiten die Richtigkeit un- 
ferer Behauptungen anerkannt, wie wohl nicht 
auf ein Princip zurückgeführt habe. Man leg- 
te nähmlich Gott die Attribute der Macht und 
der WilTenfchaft , der Gegenwart, der Güte 
11. f. w. gemeinfchaftlich mit dem Menfchen 
bej ; nur dafs man fie in dem liöchften Wefcn 
durch die Partikel all zu unbegränzten Eigen- 
fchaften erhöhete: Gott ift allmächtig, all- 
gütig, u. f. w. Bey drey Eigenfchaften aber 
braucht man diefe Erhöhung gar nicht ; fie 
find blofs des göttlichen Wefens Attribute. 
Gott allein iß heilig, fei ig, weife. Er 
allein ift der heilige Gefetzgeber, der 
feiige Vergelter, und der w e i f e Rich- 
ter dier Handlungen, die in feiner Welt vor- 
gehen. 



II. 



'2;^S' Um die Wichtigkeit der bisher vor- 
getragenen Sätze defto belTer einzufehen , wol- 
len wir noch folgendes bemerken. 

239. Wir haben fchon oben («69) gezeigt, 
dafs das InterelTc für eine Sache durch die 
Triebfeder entftehe , die unfern Willen zur 
Wirklichmachung diefer Sache beltimmt. Nun 
ilt es das Gefchäft der Vernunft (§. 321) ftets 
zu dem gegebnen Beilingten, das Unbedingte 
F 4 



88 

zu fuchen. Diefes Unbedingte aber iß dann 
auch das oberfte Princip, unter welches jeder 
befoudere Fall fubfumirt werden kann. 

24.0. Suchen wir daher ein folches Prin- 
cip, und wollen eins wirklich finden; fo 
ift die Vernunft die Triebfeder, die unfern 
Willen hierzu bcMimmt. Daher haben wir 
ein InterelTe (239) fiir die Wirklichwerdnng 
der Principe d priori. 

24 . Diefs InterelTe des vernünftigen Men- 
fchen Für Principe d priori, geht, im theore- 
tifchen Gebrauche feiner Vernunft, auf Er- 
kenntnifs der Objecte, und im practifchen Ge- 
hrauche derfelben , auf die Erkenntnifs der 
Beftimmungsgriinde des Willens. Denn zu 
diefem Behuf fuchen wir die Fnnc'ipe d priori. 

242. Von zwejen oder mehreren durch 
die Vernunft zu einem Ganzen verbundenen 
Begriffen, hat der den Vorzug oder das 
Primat in t h e o r e t i f c h e r B e d c vi t u n g , 
der den Grund der übrigen enthält. Delshalb 
fagten wir auch, Sittlichkeit habe vor Glück- 
feligkeit den Vorzug, weil üe den Grund zur 
Glückfeligkcit abgibt. 

'^43. In practifcher Bedeutung 
hingegen, führt der Begriff das Primat, 
delTen InterelTe das der übrigen Begriffe unter- 
geordnet ift. (239) Denn wir werden gewifs 
dem BegrifT den Vorzug geben, der uns mehr 
interefsirt. 



89 

244- Wäre practlfche Vernunft nicht be- 
rechtigt weiter zu gehen , als die theoretifche, 
könnte auch lie nichts über Dinge entfcheiden, 
über die ihr jene keine AuffchUilTc gibt; fo 
würde fie nur Folge der Speculation feyn, 
xuid diefe ihren Beftimmungsgrund enthalten. 
Diefpeculative Vernunft würde daher auch das 
Primat fiihren. (242) 

245. Aber practlfche Vernunft gibt uns, 
durch ihre Poftulote. (50. '2i 1. feq.) Anffchlufs 
über dvey Fragen, die die theoretifche Ver- 
uunft als unauHöfsIich erkannte. Als diefe 
über Unlterbli.^hkeit urtheilen wollte, war fie 
gezwungen das Object der Unßerblichkeittheo- 
retifch zu erkennen , und verfiel , bey einem 
Verfuche , den fie wagte, in Paralogismcn. 

«•3Ö1) 

246. Als die fpeculative Vernunft die 
trar.scendentale Willkühr des Menfchen er- 
gründen wollte, ßiefs fie auf Antinomien, 
(§. ^74) aus denen die Bejahung der Willkühr 
luir problematifch erfolgte. (§. 473.) Endlich 
gerieth die Speculation bey Beantwortiuigder 
Frage über das Dafeyn des Ideals der reinen 
Vernunft (5. 323) ebenfalls auf Paralogismen. 

247. Alle diefe Fragen beantwortet die 
practifche Vernunft : fie fetzt die Willkühr des 
Menfchen (30) feine Unfterblichkeit (.iS)und 
das Dafejn Gottes (227) als nothwendige Be» 
dinguns: zur Möglichkeit der Moralität vor* 

F5 



9« 

aus. Sie gehtalfo, unabhängig von der theo- 
retifchen Vernunft, weiter als fie, beantwor- 
tet Fragen, die den Grund zur Wirklichwer- 
dung des moralifchen Willens enthalten , die 
daher ein unmittelbares InterelTe , (2,39) für 
uns haben ; und daher führt fie das Primat 
in practifcher Bedeutung. (243) 

248- Begriffe , die für die Speculation 
transcendent (§«302) bleiben mufsten , find nun 
p r a c t i f c h immanent geworden. Denn 
aucii ohne die Objecto fo zu erkennen, wie 
es die theoretifche Vernunft verlangt, wenn 
fie ihr immanent werden follen, ohne diefen 
Begriffen Anfchauungen unterlegen zu kön- 
nen; find wir do'jh vom Dafcjn diefer Objecto 
überzeugt , und willen , dafs es keine erfoii- 
rene Begriffe find. 

249. Nun glaube man nicht , dafs wir 
nun von diefen Begriffen einen theoretifchen 
Gebrauch machen, und, entweder Erfahrun- 
gen in der Sinnen weit, oder überfinnliche An- 
schauungen von den , unter diefen Begriffen 
gedachten Objecten, erlangen können. Vor 
dem Verfall in Superstition, wohin uns 
der erfte Wahn leiten würde, Ibwohl , als vor 
dem Hange zum Fanatismus, zu dem uns 
der zweyle Irrthum geneigt macht, warnt uns 
die Speculation. Sie zeigt, dafs wir die Ob- 
jecto der , theoretifch transcendenten Ideen 
nicht anfchauen , noch von überfinnlichen Diu- 



9» 

gen eine theorelifche Erkenntnifs haben kön- 
nen. 

EILFTE VORLESUNG. 
III. 

250. Durch (liefe Ausdehnung des Ge- 
biedis der practifchen Vernunft über das der 
theoietifchen , (247) wird felbft die theoreti- 
fche Vernunft erweitert. Die Ideen der Will- 
kühr , der Unfierblichkeit, und des Dafeyns 
Gottes lagen ihr zu beantworten vor; aber 
nur muthmafslich konnte ihre Antwort ausfal- 
len, und erfi von der practifchen Vernunft er- 
hielt lie völlige Gewifsheit hierüber. 

25!. Sie wird alfo erweitert, ohne doch 
fich anmafsen zu dürfen , diefe Begriffe zu 
rerfinnlichen , oder ihnen eine übetfinnliche 
Anfchauung zum Grunde legen zu wollen. Sie 
erhielt die Erweiterung durch die practifche 
Vernunft; aber diefe beweifet nur die Wirk- 
lichkeit der Regriffe , nicht die theoretifche 
Objeclivität deifelben, 

'2.^1. Die practifchen Ideen der Willkühr, 
u. f. w. haben Realität, weil 'i\G nach Catego- 
rien gedacht werden. So liegt der Idee 
der ünfterblichkeit die Categorie Subiianz , 
($. .361) der der VVillkühr, die Categorie Cau- 
falität, (§. 2)9'5) "^"^ ^^^ y:>\\\ Dafeyn Gottes, 



92 

flic Categorie Gemeinfchaft (5. 513) zu Gnm* 
de. Allein , da einstheils die Categorien nur 
dann theoretifclie Erkenntnifs gewähren, wenn 
ihnen eine Anfchauung entfpricht, (§. 139) 
anderntheils aber die practifche Verrunft kei- 
ne Anfchauungen liefern kann , noch zu liefern 
braucht, um zur praclifchen Erkenntnifs zu ver- 
helfen; (67) Co erhellet, dafs die practifchen 
Ideen keine folche Objecte haben , die von 
uns je theoretifch erkannt werden könnten. 

253. Diefer Gebrauch, den wir hiervon 
den Categorien machen, indem wir behaup- 
ten, dafs die practifchen Ideen zwar durch fie 
denkbar, aber ohne theoretifche Objecte find, 
(252) ilt gerade das, was fchon in der Deduc- 
tion derfelben gezeigt worden. (36 feq ) Es 
beweifet aber auch zugleich, dafs die Cate- 
gorien einstheils keine angebornen Begriffe, 
noch anderntheils folche feyn, die erft von der 
Erfahrung abltrahirt worden. ' Denn als ange- 
borne Begriffe , wären fie auch dann noch theo- 
retifch objectiv , wenti man fie gleich auf kei- 
ne Erfahrung anwendet; und als von der Er» 
fahrung abftrahirte Begriffe, wären fie nicht 
a priori. 



IV. 



'^54. Nun können wir auch leicht elnfe- 
hen , dafs die Lehre vom Dafevn Gottes we- 



95 

der zur Phvfik , noch zur Metaphjfik, fon- 

dern zur Moral gehöre. Denn dafs die Meta- 
phjfik uns keine AuffchlüiTe über diefenPiuict 
gebe , ift fchon in der Critik der reinen Ver- 
nunft fattfam gezeigt worden. Eben fo wur- 
de dort (i, 617) dargethan, dafs man in der 
Phyfik , bey Erklärung der Naturbegebenhel- 
ten von Zufälligkeit zu Zufälligkeit, in unbe- 
Rimmter Weite, hinauflteigen müfle, ohne je 
bey etwas fchlechthin Nothwendieem ftehen 
bleiben zu dürfen. Alfo auch die Phjfik gibt 
uns über das Dafejn Gottes keinen Auf- 
ichlufs. 

255. Wohl aber zeigt die Sittenlehre, 
wie wir gefehen , den Weg zum ßeweifc vom 
Dafeyn Gottes fowohl, als von feinen Eigen- 
fchaften. Denn Er mufs al 1 w i ffe n d feyii, 
um die moralifche Maxime von der unmora- 
lifchen unterfcheiden zu können; mufs all- 
mächtig feyn , um Glückfeligkcit nach Mafs- 
gabe der SitdichkeitaustheilenzukötHien ; mufs 
ewig feyn, um den unendlichen Fortfchritt, 
der zur Erreichung des höchßen Guts erfordert 
wird , bey wohnen zu können: mit einem Wor- 
te, Er mufs das höchste Wefen feyn, def- 
fenDafeyn die Metaphylik zu beweifen fuchte^ 
aber nicht beweifen konnte. 



94 

V. 

2^6. Um jeder Misdeutung vorzubeugen, 
müITen wir noch den Unterfchied der Poftula- 
te, und der Hypolhefen bejbriiigen. 

237. In dem theoretifclien Gebrauche der 
Vernunft, liegt eine Reihe von Erfahrungen 
vor mir , die , an und für fich , ohne mein 
Hinzuthun, objectiv gültig ift. Will ich nun 
diefe Erfahrungen , nach dem Gefetze der 
Caufalität, an einander ketten ; fo befiehlt mir 
das regulative Princip der Vernunft (§. 321) 
von Bedingung zu Bedingung hinaufzulteigen, 
ohne Ende. Diefer Fortfehritt reicht zu die- 
fem Endzwecke fchon hin ; nur dafs er der 
ganzen Kette keinen Schlufsring , keine Ein- 
heit gibt. Diefe Einheit, die, nur durch die 
Annahme eines Unbedingten , unferer E r- 
k e n n t n i f s verfchafft wird , gibt den an und 
für fich objective exiltirenden Dingen , nicht 
den geringften Zuwachs an Objectivität : die 
Planeten werden dadurch nicht mehr Plane- 
ten , weil wir fie in ein Sjltem gebracht haben. 
Wir nehmen es blofs zum Behuf unferer Er- 
kcnntnifs , zur leichtern Ueberficht derfelben 
an. Alsdann heifst diefe Annahme , wenn 
wir fie für wirklich objective halten, eine Hy- 
p o t lief e. 

238. Hingegen legt mir die Vernunft in 
ihrem praclifchen Gebrauche den Begriff 



95 

des prnctifclien Gefetzes vor, und verlangt, 

dafs ihm ein Object verfchafft werden foll. 
Diefy Object, das das höchrte Gut iR, foll 
wirklich gemacht werden. Wenn nun diefemi 
Befehle nicht anders nachzuleben möglich i/t , 
als unter der Annahme gewilTer Vorausfetzun- 
gen ; fo gefchieht diefe Annahme nicht will- 
kührlich zum Behufe der Erkenntnifseinheit , 
tviebejden Hypothefen, (257) fondern um das 
Object, das die Vernunft fucht, wirklich zu ma- 
chen. Ich m u f s das Dafejn Gottes , die Un- 
llerblichkeit, die Willkühr des Menfchen an- 
nehmen , ich mag wollen oder nicht; denn fo 
befiehlt es die Vernunft, der ich nicht wider- 
fprechen kann , ohne auf den Vorzug eines 
vernünftigen Wefens Verzicht zu thun. In 
diefem Falle heifst die Annahme ein Po- 
stulat, 



VL 



239. Aus allen unfern Betrachtungen er- 
gibt lieh , wie grenzenlos erhaben jene Weis- 
heit ift, die alles fo , juft fo eingerichtet hat. 
Hätte der weife Urheber der Dinge unfere Ver- 
nunft mit der Fähigkeit ausgerüftet , die Will- 
kühr, Unfterblichkeit und das Dafejn Gottes 
theoretifch zu erkennen , und ihnen Anfchau- 
ungen unter zu legen , aber unfere Natur wä- 
re doch von der Befchaffenheit geblieben , dafe 



90 

der Menfcli nach Neigung handeln , .und feine 
Glückfeligkeit zum Ziele feiner Handlungen 
fetzen müfste; fo wäre alle wahre Morjlität 
aus der Welt verbannt geweien. Der anfchau- 
liche Beweis , den wir vom Dafeyn Gottes zu 
führen, daim im Stande gewefen wären, hät- 
te uns die Gottheit in ihrer furchtbaren iMaje- 
fiät gezeugt; Handlungengegen die Nei« 
gungen wären zu Stande gekommen , aber 
blofs aus Furcht: alles wäre nur püichtmäfsig, 
nichts aus Pflicht (33) gefchehen. 

260. Jetzt hingegen, da lieh die Anfchau- 
ungen zu jenen erhabenen Begriffen unferiri 
Auge entziehen, da uns kein lebhaftes Bild 
derfelben vorfchwebt , verwandelt lieh die 
Furcht vor Gott in E h r f uro ht Gottes und 
feines Gcbothes. Der JMenlch kann feine Pflicht 
erkennen und ihr gemäfs leben, nicht weil er, 
durch das furchtbare Bild der Gottheit gezwun- 
gen , fo handeln mufs; fondern weil er zur 
Ehre Gottes (^.^ö) leben, und dem Gefetze, 
daf» Er mit fcharfcn Zugan in unfer Gemüth 
gefchrieben hat, nachleben will. 

ZWÖLFTE VORLESUNG. 
L 

(Methodenlehre.) 

261. Das Object despractifchenGefetzeSj 
wilfen wir, ift das höchlie Gut. (iS'j) Kann 

die- 



97 
dlefes Object auch fubjeetiv practlfch gemacht 
werden , kann man bewirken , dafs der Menfch 
blofs diefs Object zur Richlfchnur feiner Hand- 
hingen macht ; fo erlangt das practifche Gefetz 
dadurch Kinflmfs auf die Maximen des Meii- 
fchen. 

2 02. Die Lehre von den Vernunftprin- 
cipien , nach denen man verfahren mufs, um 
dem practifchen Gefetze Einflufs (261) zu ver- 
fchaffen, heifst die practifche Methoden- 
lehre, 

363, Sohte diefer Einflufs durch Beloh- 
nung oder Befirafung erlangt werden ; fo wür- 
de die fo zur Wirkhchkeit gebrachte Handlung, 
zwar pflichtmäfsig, aber doch nicht aus Pflicht 
gefchehen. (55) Immer würde bej ihr die 
Luft an der Belohnung und die Furcht vor 
Strafe, und nicht das practifche Gefetz felbft, 
den Beftimmungsgrund des Willens abgeben. 

264. Aber das braucht es auch gar nicht. 
Ohne finnliche Beweggründe einzumifchen, 
weidet fich unfer Gemüth , wie die Erfahrung 
fattfam lehrt, mit einer Art von innigem Wohl- 
gefallen an dem Anblicke von Thaten, die 
blofs nach dem practifchen Gefetze vollbracht 
werden. Von dem Splitterrichter, der keine 
noch lo gute Handlung \^ollkommen billigt, 
bis zum Menfchenfreund , der die Fehler des 
Nächften mit dem Mantel der Schonung be- 
deckt, bev/eifen alle Menfchen die Allgewalt 
G 



9« 

diefes Gefetzes über Tic , in Bcurtheilung 
menfchlicher Handlungen. Jener tadelt ohne 
Rückficht auf die Schwäche der menfchlichen 
Natur zunehmen, diefer lobt, weil er fie mit 
in Anfchlag bringt, aber beyde erkennen das 
practifche Gefetz als die Norm, nach der ei- 
ne Handhmg bcurtheilt werden mufs , und bey- 
den gewährt die Zufammenhaltung der wirk- 
lichen Handlung mit dem practifchen Gefetze, 
die licbße Unterhaltung. 

263. Ifi ei> daher thunlich, das practifche 
Gefetz in wirklichen Handlungen, durch Hin- 
weglalTung aller empirifchen Beltimmungsgrün- 
de des Willens, rein darzuftellen ; fo wird der 
Menfch , durch die Zufriedenheit , die er im 
Anbl'cke folcher Handlungen empfindet, lieh 
nach und nach gewöhnen, das practifche Ge- 
fetze auch zum Beftimmungsgrund feines eig- 
nen Willens zu machen, wird das Gefetz Ein- 
flufs erhalten. (26 ; ) 

2 06. Nur glaube man nicht dem Sitten- 
gefetze , durch Vorlegung fogenannter edler, 
erhabener Thaten , als Mufter zur blinden 
NachäfFung , den gehörigen Einflufs zu ver- 
fcltaffen. Diefe glänzenden Bilder reizen die 
Einl)ildungskraft, ohne der Veriumft die Kraft 
zu verleihen , den Reiz durch Wirklichma- 
chung des Wunfehes zu fchwächen. Spürt 
man folchen Thaten nicht bis auf den Grund 
nach, hält man He nicht mit dem practifchen 



99 
Gefetze zufammen, und unterfiicht man nicht, 
nach diefenn Maafsftabe , ob und warum he 
iinfere Billigung verdienen ; Co wirken fie , 
wie jedes Spiel der Einbildungskraft , augen- 
blicklich und vorübergehend, ohne in dem 
Gemütlie des Menfchen einen dauerhaften^ 
Itets bleibenden Eindruck zu hinteriafTen. 



IL 



267. Daher beßeht die wahre Methode 
dem practifchen Gefetze Einflufs zu verfchaf- 
fen , vorzüglich in folgenden Puncten : 

1° Mufs man lieh gewöhnen, fowohl un- 
fere eigene, als fremder Leute Handlun- 
gen, mit dem practifchen Gefetze zufam- 
menzuhalten, um zu prüfen, ob, und 
wie weit fie demfelben gemäfs find. 

a° Mufs man eine Handlung , die zwar 
aus der Pflicht keinen Menfchen zu krän- 
ken entfprang, von der unterfcheiden , 
die, ohne Rücklicht hierauf, blofs weil 
die That recht iß , begangen ward. 

a° Müfsen wir lernen die pflichtmäflVge 
Handlung, von der Handlung aus Pflicht 
zu fcheiden , müfsen unterfuchen , wel- 
che Handlung delshalb begangen ward^ 
G 2 



weil man das practifche Gefetz vor Au- 
gen hatte, und welche, zwar der That 
nach, damit übereinftimmt, bey der es 
aber nicht Beltimmungsgrund des Willens 
war. 

4P Hat man es endlich fo weit gebracht, 
dafs man dergleichen Befchaftigung lieb 
gewinnt, und fich mit Wohlgefallen der 
Zergliederung der Handlungen unterzieht ; 
dann erli zeige man in Bejfpielen Thaten., 
die, ohne finnliche Antriebe, mit Kampf 
gegen Neigung und Leidenfchaften, blof» 
durch die Vorltellung des practifchen Ge- 
fetzes vollbracht wurden. Dadurch \v'\rd 
man aufmerkfam auf unfere Willkühr ge- 
macht, auf unfere Kraft, nicht der Nei- 
gungen und Leidenfchaften Sklave fejn 
zu muffen, und lernt fich fchätzen, durch 
das Bewufslfejn unferer Unabhängigkeil 
von den Neigungen und Leidenfchaften,- 

268. Iß der Menfch mm im Stande fich 
über Neigungen und Leidenfchaften zu erhe- 
ben ; fo wird die Menfchheit, (18 1) ^'^ ^''i" ^'^^^ 
rcpräfentirt , ein weit herzerhebender Gegen- 
ftand der Bewunderung für ihn, als der An- 
blick der unb'.^lebten Natur. Hier ficht er 
welch unbedeutender Punct er auf jenem, in 
der unendlichen Menge der Wellkörper fich 



loi 
verlierenden Planet iß. Bey BetracKtung der 
moralifchen Welt hingegen , fchvvingt er fich 
über alles Irrdifche und Sinnliche empor, ket- 
tet er fich an eine unendliche , intelligibile 
Welt, und labt ßch an der Erhabenheit des 
Meniehen* 



Erstes Register. 



Z Seite, 

weck des Werkes, ♦•...... i 

Analytik der Grundfätze ♦ . . 4 

Von den materialen Principien 10 

Von dem formalen Princip* . 4 • . * . « 12 

Folgen, •♦♦•♦..♦ 17 

Von dem Begriffe eines Gegenflandes der r. p. V. 21 

Von der Deduction des practifchen Gefetzes, . 31 
Wie ifl es möglich den Begriff der Caiiflüität 

auf die intelligibile Welt anzuwenden ? , 41 

Von der Typik. . . ♦ 49 

Von den Triebfedern der r. p. V 56 

Von der Dialectik« •♦.•♦♦,.,. 66 

Das höchfte Gut , Thefis. ..*.*., 69 

Antithefis ♦ . ♦ 72 

Auflöfung der Antinomie. 74 

Von den Poftulaten d. p. V« *»,*,* jy 

Folgen • . • 84 

Methodenlehre, « . . . ♦ 96 



Zweytes Register. 



Abhängigkeit. 54. xA^chtung 161. AngemefTenheit, 
vollige zum pr. G. 213. Antithefis d. p. V. 2Ci. 
A\'ronomie 53. 

Bedürfnifs. 7. Böfe 7^. Böfe, bedingtes und unbe- 
dingtes. 74. 75. 

Categoiien, practifche 8o, Caufalität der Vernunft 
61. 

JDafe3m Gottes. 227. Demüthigung 163. 

Ehre Gottes. 236. Eigendünkel und Eigenliebe i^g, 
Empirismus 150. Einflufs 261. Empfindung, 
angenehme und unangenehme. -^2. Endzweck , 
der Moral 233, letzter 3^. Entheiligung 182. 
Erkenntniis, practifche G'j, 

r anatismus 249. Form des Begehrungsvermögens. 39. 

Vjrefühl, moralifches 167. Gegenftand d. p. V. 65. 
Gefchäft, der Critik d. p. V. 11. der Moral 
234. Gefetz, practifches 13. 46. Gefetzgeber, 
heiliger. 237, Glauben , reiner Vernunft 230. 
Glückfeligkeit 29. Grnndfätze , practifche 16, 
Gut 73, Gut, bedingtes und unbedingtes 74« 
75. höchües 189. 

.llandlung, aus Pflicht und pflichmäfsige. 55:. Hei- 
ligkeit des Willens. 57. Heteronomie 59, Hy- 
pothefe 257. 

immanent, practifch 2^8. Imperativ 19. categori- 
fcher 2ü. hypothetifcher 2i* Intelligenz 227, 
Interefle , moralifches 169. 

Kampf 176. — Legal 154. Luft, 32. 

iVlaterie des Begehrungsvermögons 23. Maxime 15. 
Menfchheit i8r. Methodcnlehre , practifche 2<i2. 
Mittel 3. Möglichkeit , pliyfifche 6^, moralifche 
71. Myfticismus I49. 



iNatiii-mechanismus 124. Nöthigiing, vernünftige 54* 

Object , des Begehrungs vermögen s 23. d. p. V. 6S' 
Objectivität, practifche 104. 

Perfon und Perfönlichkeit 178. Pflicht -^5:. Poftulat 
25O. practifches 212. Primat, in theor. Bedeu- 
tung 242. in pract. Bedeutung 243. Princip , 
practifches 36. 

Kationalismus 148. Religion 231, Richter , der weife 

237- 

Selbftgenügfamkeit 209. Selbftliebe, vernünftige 160. 
Selbftfucht 157. Selbftzufriedenheit 208. Sitten- 
gefetz 183. Superftition 249. Schwärmerey , 
überhaupt und moralifche 175. 

Thefis der Antinomie d. p. V. 200. Triebfeder 4. 
Tugend 195. Typik 148« Typus , des practi- 
fchen Gefetzes 141. der intelligibilen Natur 147» 

V ergelter , der feiige 2^7. Unluft: 32. ünfterblich- 
keit -21 8« Unterwerfung unter das Gefetz lyi^ 
Unverletzlich j8o. Vorfchrift 18. Urtheilen , 
practifch 66. 

Weisheit 235» Wefen, hÖchf>es r>^'^. Wehe 31» 
W<2rth , moralifcher einer Handlung 153. Wil- 
len I. heiliger 57« reiner 123. WiHkühr 50, 
Wohl 30. Wollen i. 

2^weck 2. Zweck, Gottes, letzter in der SchÖ-» 
pfung 335» 



V e r b e f fe r im q; e m 



Seite. ftS. Z. 10. CePundheir, lies Geriindheit, 

— 47- — 5- V. u. Urfache — Url'ache. 

— 66. — 10. Dann — — • Denn. 
*-- 93. — 6, V. u. ilea — f^eiii. 





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